Reaktionäre Realität

Unter vielen queerbewegten Menschen gibt es den Wunschtraum, die Einteilung der Menschen in Geschlechtskategorien hinter sich zu lassen und sich eine Welt zu imaginieren, in der Geschlecht, Sexualität und sexuelle Orientierungen keine Rolle mehr spielen. Beispielhaft sei hier Marco Höne, zitiert, seines Zeichens Landesgeschäftsführer der Linkspartei in Schleswig-Holstein:

Morgen wartet nicht weniger als die Chance auf eine neue sexuelle Revolution auf uns. Es geht um die Entgrenzung der sexuellen Identitäten. Spätestens Conchita Wurst hat einer breiten Öffentlichkeit vorgelegt, dass die alten Schubladen nicht mehr passen, um Wirklichkeit abzubilden. Politisch korrekte Sprache wird zu einer immer längeren Abkürzungskette – natürlich gegendert und mit Sternchen. Wir sind dabei, die ehemals schlichten kategorischen Grenzen (Mann/Frau, Homo-/Heterosexuell) aufzutrennen und hinter uns zu lassen. Wir sprengen die Schubladen, die uns beschränken. Wie bei der Loslösung der Sexualität von der Reproduktion bietet sich die Chance auf ein ganz neues Erleben sexueller und geschlechtlicher Wirklichkeit.

Klassisch linkes Denken hat sich nicht sonderlich gewandelt. Es geht immer ums Ganze: Eine Revolution zur Umsetzung einer Utopie, zur Durchsetzung einer strahlenden Zukunft, in der dann alle Probleme gelöst sind.

Als Homo mag man dieser Utopie etwas abgewinnen können. Es ist in gewisser Weise verständlich, sein eigenes identitäres Bewusstsein als Minderheit hinter sich lassen zu wollen, indem man Identitäten an sich hinterfragt. Es ist in gewisser Weise verständlich, Sexualitäten und  Geschlechtlichkeit dekonstruieren zu wollen, weil die eigene Sexualität dann nicht mehr von der Mehrheit abweicht, sondern selbst Teil der Mehrheit wird.

Aber es wird dauerhaft nicht funktionieren. Und das aus sehr einfachen Gründen:

Die Zweigeschlechtlichkeit  ist der bestimmende Faktor der Reproduktion, sie ist eine biologische Realität in allen höheren Lebwesen, zu denen der Mensch als Spezies nun mal gehört. Geschlechtlichkeit ergibt nur Sinn im Lichte der Reproduktion. Daraus folgt zwangsläufig Heterosexuelität als Normalfall. Höne impliziert dies ja selbst, wenn auch vermutlich unbeabsichtigt, indem er schreibt:

Wie bei der Loslösung der Sexualität von der Reproduktion bietet sich die Chance auf ein ganz neues Erleben sexueller und geschlechtlicher Wirklichkeit.

Die Loslösung der Sexualität von der Reproduktion ist allerdings nicht vom Himmel gefallen, sondern ist Folge eines aktiven Eingreifens des Menschens in biologische Prozesse. Die Utopie von einer Welt ohne Geschlechtskategorien und der Auflösung sexueller Identitäten steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln. Sind diese nicht greifbar, wird schnell klar, was Geschlecht ist und was Sexualität ist: ein evolutionär entstandendes Tool zur Sicherung der Fortpflanzung. Frau und Mann als Geschlechtskategorien sind keine Konstrukte, Heterosexualität ist kein gesellschaftliches Konstrukt, sondern der biologische Regelfall.

Klingt das reaktionär? Vielleicht. Es ist dennoch Realität. Was daraus folgt ist allerdings eine völlig andere Frage. Biologische Fakten bedingen keinen naturalistischen Fehlschluss. Sie sagen auch nichts dazu aus, wie man in einer Gesellschaft miteinander umgehen sollte.

Für mich persönlich ist die Anerkennung oben skizzierter biologischer Realität ein Weg zum inneren Frieden, ein Weg, um die leidigen Identitätsfragen hinter sich zu lassen. Ich bin ein Mann. Ich steh auf Männer. Ich bin die Ausnahme von der Regel. Eine Minderheit. Ich bin sozusagen nicht “normal”.

Und das ist mein gutes Recht! Denn ich muss nicht “normal” sein, um Mensch zu sein.

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Ein Gedanke zu “Reaktionäre Realität

  1. >Und das ist mein gutes Recht! Denn ich muss nicht “normal” sein, um Mensch zu sein.

    Wichtiger Punkt. Man kann ja aus vielen Gründen eine Minderheit sein: Weil man seit Jahrzenten eine chronische Auto-Immunerkrankung hat; weil man manisch-depressive Episoden überstanden hat; weil man schwul ist; weil man …

    Wenn wir darüber einen Konsens haben,dass es Grundrechte – mit ihrer Praxis im direkten Umgang – gibt, die völlig unabhängig davon sind, wie „normal“ man so ist, dann sind wir immerhin schon einen Schritt weiter.
    Auf dem Boden ließe sich gut streiten ;-).
    Haben wir aber insgesamt wohl noch nicht so ganz verinnerlicht …

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