Kreuzberg kussfrei

Zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am Sonntag plant das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo ein „Kiss In“ in Kreuzberg, vermutlich mit dem Ziel, auf homophoben Einstellungen unter Menschen mit Migrationshintergrund aufmerksam zu machen, und dem symbolisch etwas entgegenzusetzen. Nicht der Rede wert sollte man meinen, wenn da nicht GLADT e.V. wäre, ein Verein lesbischer und schwuler Türken. Die haben nämlich Kritik anzumelden, wenn sich Männer in Kreuzberg küssen wollen. Warum? Nun, um das zu verstehen, muss man die reale Welt verlassen und in die Parallelwelt des postmodernen „Antirassismus“ und „Antisexismus“ eintauchen:

„Schöne Idee. In der Theorie. Aber zu kurz gedacht“, urteilt dagegen GLADT e.V. Der Verein beklagt, dass er und andere Gruppen, die vor Ort Antidiskriminierungsarbeit leisteten, nicht in die Planung einbezogen worden seien. Außerdem sei es „grotesk“, dass eine „weiße, cis-männlich-dominierte, schwule Organisation“ diese Aktion durchführen wolle („cis“ steht für Cisgender, das Gegenteil von Transgender). Maneo missbrauche diese Orte als „Kurzzeit-Bühne für [eine] einstündige Inszenierung von farbenfroher Weltoffenheit“ und gefährde „die Beziehungsarbeit zu unseren Nachbar*innen und stellt sie auf die Probe“.

Genau! Weiße, cis-männliche Schwule haben sich in Kreuzberg gefälligst nicht zu küssen, weil „unseren“ Nachbarn das nicht gefällt!

Das Kiss-in schließe insbesondere Schwule und Lesben aus anderen Kulturkreisen aus, die Diskriminierungserfahrungen gesammelt hätten:

Blödsinn! Es gibt keinen Ausschluss! Maneo hat niemals postuliert, dass an dem „Kiss In“ nur weiße Biodeutsche teilnehmen dürfen.

Das Konzept des Coming-outs sei etwas „sehr Weißes und Westliches“, so GLADT. „Als sei es die Krönung der Emanzipation, wenn alle wissen, wen Mensch liebt und begehrt.“

Genau! Coming Out ist etwas Weißes und etwas Westliches. Und überhaupt: Niemand muss wissen, dass man schwul ist! Schon gar nicht in Kreuzberg.

Mitglieder des Vereins fühlten sich aufgrund von Rassismus anders als die „weiße“ Bevölkerung. „Auf Grund dieser Erfahrungen sind Menschen mit Rassismuserfahrungen anders auf Familie und Community angewiesen als weiße Menschen“, so GLADT e.V. Die Maneo-Aktion sei ein „Ausblenden unserer Antidiskriminierungsarbeit in unseren Lebensräumen“.

Absurd, wie ein Verein, der vorgibt, sich gegen Rassismus zu engagieren, beständig von „Weißen“ spricht, und diese als klar abzugrenzende, monolithische Guppe definiert, die sich grundsätzlich von allen anderen Menschen unterscheidet.

Aber so ist das heutzutage: Rassismus und Sexismus sind böse, außer es geht gegen weiße Männer. Denn die sind der Ursprung des Bösen. Und überhaupt ist Homosexualität nur ein westliches kapitalistisches Konstrukt. So wie Sexualität und Geschlecht überhaupt nur Konstrukte sind. Und weil das so ist, dürfen sich demnächst nur noch farbige Transgender-Lesben zu irgendeinem Thema äußern. Und Kreuzberg wird zur kussfreien Zone für weiße Männer erklärt. Das ist Emanzipation! Das ist Freiheit!

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7 Gedanken zu “Kreuzberg kussfrei

  1. Was denken die eigentlich wo die Weißen herkommen? Ich hab manchmal das Gefühl, die denken irgendwie das Weiße Europa den Nicht-Weißen weggenommen haben und nun gefälligst wieder verschwinden sollen.

    Ich finde es auch immer wieder unfassbar dumm, wenn rumgejammert wird, dass in einen Land in dem der Großteil der Bevölkerung weiß ist, auch der Großteil der Führungspositionen von weißen besetzt ist. Da fehlt doch eindeutig die Fähigkeit zwei Sachen miteinander zu kombinieren.

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    • @Matze:
      Ich glaube weniger, dass die Kombinier-Fähigkeit fehlt, sondern eher dass der Wunsch jemand zu bashen diese Fähigkeit übersteigt. Und hier bleiben nur weiße Männer als Ziel, alles andere wäre zu angreifbar.

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      • Aus American History X:

        „All right, boy, this is what we gonna do.
        We gonna hate some niggers. That’s what we’ll do today.
        We gonna hate some goddamn niggers.
        That’s all we gonna do is hate some niggers all day.
        Don’t know what a nigger is, but we gonna hate them.
        My cousin Derek is in the pen right now…
        workin‘ next to a nigger, driving him nigger crazy.
        See? That’s the ticket.
        Nice and easy.“

        Aber bei weißen passt das ja nicht, weil schließlich der größte Teil der Reichen weiß ist. Solange das so ist, kann es gar keinen Rassismus gegen Weiße geben. Zumindestens scheinen das einige zu glauben.

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  2. In Deutschland ist der Ausländeranteil ca. 9% und davon sind noch nicht einmal alle POC (25% stammen bspw. aus der EU), selbst die Migranten nicht (bspw. Russlanddeutsche).
    Das hier ist nicht die USA mit einem Bevölkerungsanteil von 37% nicht Weißen.
    15% aller US-Amerikaner (von über 300 Millionen) sind schwarz – in Deutschland sind es 4% der Ausländer (wohlbemerkt 4% der 9%) und (hoch geschätzt) 500.000 Afrodeutsche.

    Seit wann ist HIER „weiß“ oder „männlich“ das Merkmal einer Elite?
    In Deutschland ist der Müllmann ebenso weiß und männlich wie der Manager.
    Was soll das also für die Analyse sozialer Strukturen bringen?
    Wo sind die sozialen „Privilegien“, die die beiden dadurch GEMEINSAM haben, weiß und männlich zu sein?

    An dieser Stelle wird m.E. klar, wie untauglich das Plagiat einer Theorie von Gesellschaft mit einer völlig anderen Zusammensetzung der Bevölkerung ist.
    Copy and paste ist zwar eine dufte individuelle Arbeitszeitverkürzung, taugt aber oft nicht…

    Auffällig ist dito, gerade die, die sonst beklagen, jedwede Kategorisierung sei Exklusion oder Konstruktion des Anderen sind erstaunlich schnell mit dieser Kategorisierung zur Hand, wenn sie damit einen Vorteil in der Diskussion erschleichen können.
    Und so richtig schön ihre Spielchen im Kampf um das Treppchen der Opfer-Hierarchie: „Ätsch! Lesbe ist doppelt betroffen plus Transgender und POC sind mit vieren Spiel fünf!“
    Da muss der cis schwule Weiße mindestens auf Schneider spielen (darf man eigentlich noch „schwarz“ sagen???)! 😉
    Dass sie mit ihrem Differenzierungs- und Abgrenzungswahn genau das befeuern, was sie vorgeblich bekämpfen ist so neu nicht mehr; erzeugt notwendig eine Kleingruppen/Sekten-Mentalität und eine entsprechende Denkweise.

    Was ich ebenfalls auffällig finde, sind obskure sprachliche Besitznahmen wie „unsere Lebensräume“.
    Seit wann a. deklariert im Gegenzug eine weiße und heterosexuelle Mehrheitsbevölkerung das Recht auf „ihre Lebensräume“ in Berlin?
    #Aufschrei?

    Den zentralen Punkt der Aktion, in jedem Stadtteil von Berlin gegen Trans- und Homophobie zu kämpfen, um allen ungeachtet ihrer sexuellen Identität oder Orientierung in allen Stadtteilen ein gutes Leben zu ermöglichen finde ich gut.

    Diese poststrukturalistischen Spinner und Plagiatoren von PC und awareness etc. werden uns wohl leider vorerst erhalten bleiben. Gut, dass du ihren Unsinn auseinander nimmst!

    Schöne Grüße, crumar

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    • @crumar
      „Wo sind die sozialen “Privilegien”, die die beiden dadurch GEMEINSAM haben, weiß und männlich zu sein?
      An dieser Stelle wird m.E. klar, wie untauglich das Plagiat einer Theorie von Gesellschaft mit einer völlig anderen Zusammensetzung der Bevölkerung ist.“

      Das geht es gar nicht um die Privilegien, wie sie dir vorschweben. Die „Weissen“ als solche sind nämlich gegenüber anderen „Rassen“ durch Geschichte und überhaupt „strukturell“ oder von der „Konstruiertheit“ her „privilegiert“ (ich schreib das alles in „“, um mich davon zu distanzieren!).

      Es ist wirklich so hirnverbrannt, wie es dir jetzt erscheinen mag. Natürlich hat das auch mit „Rassismus“ nicht das Geringste zu tun, da dieser eben strukturell an „Weisse“ gebunden sein soll…

      Bei der Opferhierachie scheint es (noch) keine ganz festgelegte Einteilung zu geben, wie „PoC“ zu „Queers“ stehen etwa. Die „Queers“ scheinen auch ein Sammelbegriff zu sein, den man laut Hohepriesterin J. Butler auch gar nicht weiter differenzieren soll (bzw noch nicht, freilich).

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  3. Denk mal nen Moment an die homophobe Scheiße von irgendwelchen selbsterklärten Besserwisser(innen), Priestern und sonstigen Idiot(inn)en, die sich davon „belästigt“ fühlen, dass jemand schwul oder lesbisch ist. Die sogenannten „besorgten Eltern“, die so tun, als hätten sie irgendwelche berechtigten Ängste, dass man Schulkindern sagt, dass, Ohje!, nicht alle Männer (nur) auf Frauen stehen und umgekehrt. Christ(inn)en, die es als Verletzung ihrer religiösen Gefühle sehen (würden), dass auch Männerpaare oder Frauenpaare heiraten (dürften) oder die eingetragene Lebenspartnerschaft schließen. Sich damit als Opfer zu inszenieren, obwohl sie sich ausschließlich selber daneben benehmen…
    Genau, das ist zum Kotzen. Und den Menschen, die du grade abgekanzelt hast, geht es wahrscheinlich gerade etwa so wie Homosexuellen in dieser Situation. Mit dem Unterschied, dass solches Zeug für sie gleich von mehreren Seiten kommt, die sich auch noch gegen sie verbünden. Ausschluss ist nicht darauf begrenzt, ein Schild hochzuhalten, auf dem „nur Weiße“ geschrieben steht. Ausschluss bedeutet auch, dass Menschen nur unter bestimmten Bedingungen teilnehmen können. Und wenn sie die nicht erfüllen geht es nicht unbedingt darum, dass sie vom Platz geworfen werden. Sie haben nicht die Möglichkeit, überhaupt zum Platz zu kommen. Vielleicht ohne dass die Leute auf dem Platz das merken. Oder haben, wenn doch, einfach nicht den Nerv auch dort augegrenzt zu werden. Weil dabei, wie leider gerade bewiesen, ein reelles Risiko besteht, z.B. Rassismus zu begegnen.

    Niemand hier bestreitet, dass weiße schwule Männer Homophobie ausgesetzt sind. Und niemand hier findet das gut. Aber tu deshalb nicht so, als ob du als erster oder am stärksten von Homophobie betroffen bist, wenn du, neben deinem Schwulsein, auch weißer cis-Mann bist. Denn du hast es leichter, in einer weiß und cismännlich fokussierten community Unterstützung und im Mainstream Gehör zu finden. Das ist niemandes „Schuld“ oder „Verdienst“, sondern ein Fakt. Ein Fakt, von dem du profitiertst, auch wenn du dir nicht bewusst ausgesucht hast, weiß bzw. cismännlich zu sein. Genauso wie Heteros davon profitieren, genau und nur auf „das“ andere Geschlecht zu stehen, ohne dass sie sich das ausgesucht haben. Wofür Menschen – auch du – aber verantwortlich sind, sind z.B. homophobe, rassististische, sexistische, etc. Diskriminierungen. Arbeit gegen homophobe Einstellungen bei Menschen mit Migrationshintergrund sind auch wichtig – aber einen Dreck wert, wenn diese Arbeit rassistischen Prinzipien folgt, weil damit ebenfalls ein Ausgrenzungsmuster bedient wird.

    Wenn man doch so dagegen ist, dass Weiße als „abzugrenzende, monolithische Gruppe“ definiert zu sein – warum bringt man es dann nicht mal fertig, andere Antidiskriminierungsgruppen aus derselben Stadt (!), die auch speziell gegen Homophobie arbeiten, in die Planung einzubeziehen? Mit ihnen zu reden? Mal zuhören? Das nicht zu tun ist ein Paradebeispiel von Ausgrenzung.

    Dass du dich hier auf polemische Weise als Opfer von Rassismus und Sexismus zu inszenieren versucht, während exakt das nicht der Fall ist, und dabei diejenigen zu beschuldigst, die exakt das wirklich sind, ist ein solches arrogantes und diskriminierendes Verhalten. Mit anderen Worten: Genau das, wogegen doch eigentlich vorgegangen werden soll. Und zu benennen, dass das von Menschen kommt, die weiß und cis-Männer sind, ist das Gegenteil von Rassismus und Sexismus. Es benennt (!) ausgrenzendes, diskriminierendes Verhalten von einer (teilweise) priveligierten Gruppe gegen eine (teilweise) marginalisierte Gruppe und damit rassistisches und sexistisches Verhalten, das man ändern kann und sollte. Oder fändest du es „feindlich gegenüber Heteros“, wenn du Homophobe, die heterosexuell sind (was einfach strukturell wahrscheinlicher ist), dafür zu kritisieren, dass sie, homophobe Scheiße verzapfen? Wohl kaum. Feindlichkeit gegenüber Heteros ist ein schlechter Scherz, weil sie nämlich nicht existiert. Feindlichkeit gegenüber Heteros (als Solche) hat damit eine sehr wesentliche Gemeinsamkeit zu Rassismus gegen Weiße (als Solchen): Er existiert nicht.

    In diesem Fall geht die Ausgrenzung von dir aus. Hier haben Leute, die evtl. selbst Migrationshintergrund haben – und wahrscheinlich zumindest Erfahrung damit – und (!) von Homophobie betroffen sind, sachliche und begründete Kritik gegen das Konzept vorgebracht. Und statt sich damit mal auseinanderzusetzen wettert man mit polemischem Unsinn gegen sie und tut so, als ob sie dich angegriffen hätten? Nein, tatsächlich können es sich nicht alle LSBTIQA* leisten, geoutet zu sein. Aus verschiedensten Gründen, die du vielleicht nicht alle verstehst, die aber deshalb nicht weniger berechtigt sind. Und ja, manche dieser Gründe könnten mit Rassismus zu tun haben. Und ja, Geschlecht ist eine konstruierte Kategorie. Um das zu bestreiten muss man schon extrem so ziemlich jede Lebensrealität verdrehen und verdammt tief ins Land der Selbstgerechten abtauchen. Oder glaubst du ernsthaft, FrauenTM und MännerTM hätten über die gesamte Menschheitsgeschichte immer gleiche statische und bei allen gleiche Charakterzüge gehabt? Dann könntest du ja gleich glauben, dass alle Männer und Frauen heterosexuell sind und alles andere nur eine widernatürliche Abweichung – denn diese homophobe Überzeugung beruht genau darauf. Aber leider bist du, was das Verdrehen angeht, ohnehin schon gefährdet, denn sonst könntest du kaum so tun, dass irgendjemand außer dir erwähnt habe, Schwulen das Küssen zu verbieten.

    Willst du wirklich ins gleiche Schema fallen wie die Homophoben? Willst du wirklich genau so ekelhaft und beleidigend wirken wie selbstgerechte Schwulenhasser? Im Moment tust du das nämlich.

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