Meyers Homosexualität

Vor über einhundert Jahren, zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches, definierte man Homosexualität noch etwas anders als heute. Das interessante am Eintrag aus “Meyers Großem Konversations-Lexikon”von 1907  ist für mich jedoch die für diese Zeit relativ nüchterne Abhandlung, die bereits die gesellschaftliche Bereitschaft hin zu einer zunehmenden Toleranz erkennen lässt :

Homosexualität (griechisch-lat.), die geschlechtliche Hinneigung zu Personen desselben Geschlechts, meist auf Grundlage einer angebornen perversen Empfindung, seltener als Folge von Ausschweifungen, so daß ungewöhnliche Reize zu Hilfe genommen werden, um die entnervte Geschlechtssphäre zu erregen. Die männlichen Homosexualen, oft sein entwickelte, ästhetisch hoch kultivierte Personen, kommen in allen Gesellschaftskreisen vor, ihre Neigung zum gleichen Geschlecht ist oft eine rein ideale, und viele leben keusch. Sie betonen, daß sie wohl biologisch, aber nicht ethisch als minderwertig zu betrachten seien. Sie erkennen sich gegenseitig an gewissen Sinnesempfindungen und Bewegungen, sie finden sich zusammen in gewissen Pensionaten, Bädern und halten zuweilen gemeinsame Vergnügungen unter der Maske von Karnevalsscherzen, Damenimitationen, Herrenabenden etc. ab. Ein preußischer Assessor, Ulrichs, schilderte die eigentümlichen Empfindungen und Schicksale dieser »Enterbten des Liebesglückes« in einer Broschüre und brachte für die Homosexualen den Namen Urninge auf (s. Urningsliebe). Die Gesetzgebung in Deutschland (§ 175 des Reichsstrafgesetzbuches) und Österreich belegt den Geschlechtsverkehr zwischen Männern mit Strafe, während er zwischen weiblichen Personen vor dem Gesetz nicht strafbar ist. Die weiblichen Homosexuellen sind wohl kaum seltener als die männlichen. Die Liebesbündnisse dieser Tribaden sind durch eine auffallende Neigung zur Eifersucht und durch den Umstand gekennzeichnet, daß auch im äußerlichen Verkehr der eine Teil mehr die Rolle eines Mannes spielt. In weiblichen Strafanstalten sind derartige Bündnisse nicht selten. Versuche, über die Zahl der Homosexuellen annähernd richtige Vorstellungen zu gewinnen, führten übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß der Prozentsatz der Homosexuellen etwa 1,5–2 Proz. der Bevölkerung beträgt. Dazu kommen von etwa 4 Proz. Bisexuellen noch 0,7 Proz. überwiegend Homosexuelle. Durch Krafft-Ebing (»Psychopathia sexualis«) ist die H. dem psychiatrischen Verständnis näher gebracht worden; es läßt sich aber nicht leugnen, daß entnervte Genußmenschen das durch derartige Schriften erregte mitleidige Interesse dazu benutzen, sich als geborne Homosexuelle zu gebärden, um ihren unsaubern Lüsten frönen zu können. Neuerdings entwickeln Anhänger der Ansicht, daß die H. auf angeborner Grundlage beruhe, unter dem Namen »wissenschaftlich-humanitäres Komitee« eine lebhafte Agitation, um den § 175 des Deutschen Reichsstrafgesetzbuches zu beseitigen.

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3 Gedanken zu “Meyers Homosexualität

  1. Ich finde dem Text entströmt etwas zutiefst Inhumanes. Der letzte Satz um den §175 drückt Missbilligung aus und signalisiert selbst keine „gesellschaftliche Bereitschaft hin zu einer zunehmenden Toleranz“. Die Bezeichnung „ästhetisch hoch kultivierte Personen“ für Homosexuelle, deren Identität aber nur vorgeschoben sein könnte „um ihren unsaubern Lüsten frönen zu können“, würde ich nicht als vertrauensbildend ansehen, nährt aber Paranoia. Auch das den Homosexuellen in den Mund gelegte Selbsturteil als „biologische minderwertig“ ist in den Zeiten des „Darwinismus“ bestimmt alles andere als human (und feige ist es obendrein). Und in diesem selbst-demontierenden Sinn wäre nochmals der letzte Satz zu lesen, daß ein »wissenschaftlich-humanitäres Komitee« die Homosexualität wegen der „angeborenen Grundlage“ legalisieren wollte.

    Da wundert es nicht mehr, was die nächsten Jahrzehnte passiert ist.

    Ich denke aber, daß durch die Zeiten hindurch die Einstellung zur Homosexualität häufig viel entspannter war als im letzten Jahrhundert.

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    • „Da wundert es nicht mehr, was die nächsten Jahrzehnte passiert ist.“

      Ich glaube nicht, dass ein eintsprechender Eintrag in einem Lexikon zu jener Zeit in sagen wir, Großbritannien, anders ausgesehen hätte. Und die hatten keinen Nationalsozialismus.
      Deutschland war immerhin das Ursprungsland der Vorkriegs-Homobewegung, und das Berlin der 20er Jahre ein Mekka für Schwule aus ganz Europa.

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      • @adrian
        „Und die hatten keinen Nationalsozialismus.“

        Ganz ähnliche Strömungen waren allenthalben vorhanden, in GB und anderswo. Dort haben sie sich halt nicht in der Form durchgesetzt wie in den Ländern der faschistischen „Achse“.

        Und natürlich bestand Deutschland nicht nur aus Rechtsextremen, ganz im Gegenteil. Da weist du natürlich mit Recht darauf hin. Was die ganze Entwicklung zum Nazireich nur noch tragischer und brutaler macht!

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