Avantgarde der Ungleichheit

Immer wieder belehren uns Gegner der Eheöffnung für homosexuelle Paare, dass sich dies nicht gehöre, weil man Ungleiches nun mal nicht gleich behandeln könne. Tilman Krause recyelt dieses Argument in der „Welt“ aus Sicht einer schwul-kollektivistischen Perspektive. Origineller wird es dadurch selbstredend nicht:

Aber Homoehe? Wieso denn?

Weil das im Sinne der Gleichberechtigung ist.

Wegen der rauschenden Roben?

Unter anderem.

Wegen des schönsten Tags im Leben?

Sowieso.

Weil sich alle weinend in den Armen liegen können?

Klaro.

Diese Kitschorgie, die einem bei jedem zweiten Heteropaar wie fauler Budenzauber vorkommt, wollen wir jetzt kopieren, nur weil wir glauben, wir kriegen das noch glamouröser, romantischer, brillanter hin?

Wir Homos richten schon seit Jahrzehnten die Hochzeiten heterosexueller Paare aus. Keine Frage also, dass wir uns bei unserer eigenen an Glamour, Romantik und Brillianz übertreffen würden.

Nein, da bin ich doch entschieden für die „Glorie des Paria“, um einen französischen Roman der Achtzigerjahre zu zitieren. Und wenn nicht für Paria und Außenseiter, dann bin ich für Minderheit und Anderssein.

Na schön, Krause, niemand will Dir das verbieten. Die Ehe soll ja auch nicht obligatorisch werden.

Zum homosexuellen Selbstbewusstsein gehört für mich ohne Wenn und Aber nach wie vor, dass man es eben gerade nicht wie die Heteros macht.

Zum homosexuellen Selbstbewusstsein gehört für mich ohne Wenn und Aber, dass ich alles machen darf, was auch Heteros machen dürfen. Man beachte: „Dürfen“. Nicht „müssen“.

Was, mit Verlaub, ist an den gegengeschlechtlich Empfindenden denn so großartig?

Nichts. Aber darum geht es hier doch gar nicht, oder?

Und außerdem: Wir sind nicht Kopie, wir sind Originale. Oder wir sollten es doch sein.

Klar. Wir alle sind Originale. Originale mit den gleichen Rechten, wie die anderen Originale. Zumindest sollte das so sein.

Denn nie waren wir so wertvoll wie heute.

In Euro oder in Gold?

Nie gab es eine Zeit, in der sich freiwillig, also ohne politischen, totalitären Druck, alles derart konformistisch in die Mitte der Gesellschaft drängte wie in unseren Tagen. Die ungeheure Nivellierungsmaschinerie des Internet mit ihren ewig gleichen Like- und Follow-Floskeln ist dabei, die klebrige Konsens- und Konsumsoße noch in die hinterste Ecke des globalen Dorfes einsickern zu lassen. Und die letzten Mohikaner des Abseitigen, meinetwegen Abwegigen knicken auch noch ein? Schöne neue Welt, nein danke!

Oh doch bitte“ Schöne neue Welt für jeden“ Man muss da ja nicht mitmachen. Aber man sollte die Möglichkeit dazu haben.

Vielleicht bin ich zu sehr Kind der Siebzigerjahre, vielleicht bin ich zu gern Sand im Getriebe der Welt, um den Happy-Go-Lucky-Frischwärtsoptimismus einer Generation teilen zu können, die glaubt, zum homosexuellen Glück gehört nur die Gleichbehandlung, Vater Staat wird es schon richten. Was heißt außerdem Glück?

Sand im Getriebe? Mit einer Kolumne bei der Welt? Als alternder schwuler Mann, der sich nach der verzehrenden Lust des Anderssein sehnt; an die 70er Jahre, als Mutti einen noch zum Psychiater geschleppt hat, damit Sohnemax lernt, dass nur die Vagina die Wiege der Glückseligkeit darstellt?

Niemand behauptet, zum homosexuellen Glück gehört nur die Gleichbehandlung. Aber sie ist ein unabdingbarer Teil, damit es einem ermöglicht wird, sein Glück überhaupt erst zu finden.

Meine bescheidene Überzeugung steht leider unverrückbar fest: Wer Glück ausschließlich rechtlich oder materiell definiert, bleibt bei der Ich-Schablone, bringt es nicht zum Ich. Zum Glück gehören auch der Schmerz, der Sinn für Tragik und fürs Transzendente, zum Glück gehört die (gemeisterte!) Schwierigkeit zu sein.

Führt man diese Argumentation bis zu ihrem absurfen Ende, liegt die wahre Glückseligkeit der Schwulen im Iran. Welch großartiges Land, in dem Homosexuelle aus Furcht vor Verfolgung und Kriminalisierung noch echten Schmerz, echte Tragik und echte Schwierigkeiten zu meistern haben. Und Transzendenz gibt es gleich gratis dazu, wird Apostasie dort doch ebenfalls mit dem Tode bestraft.

Das Glück ergibt sich aus den stufenweisen, von Rückschlägen und Vorwärtsbewegungen mühsam ausbalancierten Versuchen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Arbeit am rauen Stein! Äußerlichkeiten, Rituale, vorgegeben Muster helfen dabei, das ist klar. Aber davon alles abhängig zu machen, kann keine Lösung sein.

Und wer will davon alles abhängig machen? Genau! Niemand! Und ich schon gleich gar nicht. Ich würde nur gerne die Möglichkeit haben zu heiraten. Mit der Betonung auf „Möglichkeit“. So wie jeder Hetero auch.

Mir träumt von einer Gesellschaft, in der die Menschen sich in Eintracht und Vielfalt verwirklichen.

Ja, mir auch. Dazu gehört aber, Vielfalt zu ermöglichen und nicht Facetten dieser Vielfalt einigen Menschen zu verbieten.

In der Menschen, statt ihre Energie damit zu verschwenden, wie die anderen zu werden, herausfinden, was ihr ureigenes Wesen ist.

Und wenn es mein Wesen ist, einen Mann heiraten zu wollen? Was sagt Krause dann? Darfst Du nicht, Adrian, denn ich, Tilman Krause, weiß besser als Du, dass das nicht Dein ureigenstes Wesen ist?

Dabei können Homosexuelle Vorreiter sein, jedenfalls solche, die gelernt haben, sich infrage zu stellen, weil sie es mussten.

Ja, Homosexuelle können Vorreiter sein. Wenn sie dies denn wollen. Wenn sie denn Wert darauf legen.

jedenfalls solche, die gelernt haben, sich infrage zu stellen, weil sie es mussten.

Sich infrage zu stellen, weil sie es mussten? Bitte was? WTF?

Und das ist immer noch die Mehrheit.

Wen interessiert was die Mehrheit will? Für mein Leben ist wichtig, was ich will!

Das hohe Gut, das sie sich bei der Entdeckung ihrer von der Norm abweichenden Sexualität erworben haben, sollten sie mehren, anstatt es auf dem Altar der Heterosexualität zu opfern. Die Homoehe sollten sie schlicht und ergreifend nicht nötig haben.

Und ich lasse mir von niemandem sagen, was ich nötig zu haben habe. Und schon gar nicht lasse ich mir damit Ungleichheit vor dem Gesetz rechtfertigen.

Was für ein gequirlter Mist!

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Ein Gedanke zu “Avantgarde der Ungleichheit

  1. Wie bizzar! Da lässt die Welt einen Hippie-Typen („Mir träumt von einer Gesellschaft, in der die Menschen sich in Eintracht und Vielfalt verwirklichen.“) gegen die Homo-Ehe schreiben.

    Die gefällt ihm wegen des Heirats-Kitsches nicht und überhaupt „wer Glück ausschließlich rechtlich oder materiell definiert“, wie so ein superangepasster, nichtsichtbarer Spiesser-Homo, der kann von der Freiheit, die ich meinte, als „Sand im Getriebe“ und „letzten Mohikaner des Abseitigen“, dem Streben nach vermutlich tranzendentaler Selbstverwirklichung nichts mehr wissen wollen.

    Von Gleichberechtigung scheint er demzufolge noch nie was gehört zu haben: selbst mit der „rechtlichen Gleichstellung“ (siehe 2. Satz) scheint er nicht den Geist des Grundgesetzes, sondern die real praktizierte Gleichstellungspolitik zu meinen. Die halt mal so, mal so entscheiden kann, wie gerade der Wind die Regenbogenfahne weht. In den Augen des „Welt“-Leitenden Feuilltonredaktörs ist diese Frage negativ zu bescheiden: denn um den „Happy-Go-Lucky-Frischwärtsoptimismus einer Generation teilen zu können, die glaubt, zum homosexuellen Glück gehört nur die Gleichbehandlung“, der will eigentlich nur die „Kitschorgie“.

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