We cry for you, Argentina!

In Argentinien haben am vergangenen Mittwoch mehrere hundertausend Frauen gegen Gewalt gegen Frauen demonstriert:

Mehrere grausame Gewalttaten gegen Frauen hatten in Argentinien eine Debatte über die allgegenwärtige Gewalt entfacht. […] Angesichts einer Macho-Kultur seien Frauen in Argentinien bislang als „eine ‚Sache, die man beherrschen muss'“ betrachtet worden. Die Politik müsse daher endlich mit einem nationalen Aktionsplan gegen Gewalt gegen Frauen vorgehen.

In das berechtigte Anliegen mischen sich aber leider auch tendenziöse feministische Töne, die durch die einseitige Berichterstattung des „Tagesspiegel“ noch bedenklicher ausfallen:

Die Demonstrantin María Elena Cornide, eine 36-jährige Unternehmerin, sprach von einem „sozialen Erwachen gegen Ungerechtigkeit“. Häusliche Gewalt sei „nicht die einzige Geißel, unter der Frauen leiden“. So würden sie auch schlechter bezahlt als Männer. Die 86-jährige Ilse Fuscoba trug ein Schild mit der Aufschrift: „Die menschliche Gesellschaft kann sich nicht nur auf das männliche patriarchalische Modell gründen.“

Häusliche Gewalt ist in Argentinien, wie auch überall sonst, ein Problem, unter dem Frauen und Männer in annähernd gleichem Maße zu leiden haben. Die Studien, welche dies seit Jahren belegen, sind in ihrer Anzahl mittlerweile nahezu unüberschaubar geworden. Umso erstaunlicher, dass das feministische Narrativ von der Gewalt, die fast ausschließlich Frauen beträfe, immer noch derartig leichtfertig kolportiert wird. Aber dies ist eben die Kehrseite der sprichwörtlichen „Macho-Kultur“ in Argentinien einerseits und eines tradierten Bildes vom Manne als starkem Alpha überhaupt: als Opfer darf ein Mann nicht vorkommen; als Opfer verliert er seine Männlichkeit und damit seinen Status als menschliches Individuum.

Kaum der Rede wert, dass in Argentinien die klassische feministische These von der schlechteren Bezahlung von Frauen ebenfalls reinsten Gewissens verbreitet wird. Ja, Frauen verdienen als statistische Gruppe im Schnitt weniger als Männer. Aber nicht, weil sie für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, sondern weil sie nicht die gleiche Arbeit leisten. Wie oft muss man das eigentlich noch wiederholen?

Aber was ist nun mit der Mordrate? Wie der „Tagesspiegel“ schreibt, wird in Argentinien

alle 31 Stunden eine Frau getötet. Laut Casa del Encuentro gab es im vergangenen Jahr 277 Frauenmorde.

Das klingt schlimm und ist es auch. Um den Sachverhalt ins rechte Bild zu rücken, wäre es aber interessant gewesen, auch die allgemeine Mordrate zu erfahren. Laut „MercoPress“ gab es im Jahre 2012 in Argentinien 2888 offiziell erfasste Mordtaten. Das bedeutet, dass die überwältigende Zahl der Mordopfer männlichen Geschlechts ist – über 90 Prozent! Warum man angesichts dessen einen nationalen Aktionsplan ins Leben rufen will, der sich allein auf Gewalt gegen Frauen fokussiert, bleibt rätselhaft.

Man möchte sicher nicht so weit gehen, die kühne These auszusprechen, dass das Leben eines Mannes in Argentinien weniger wert ist, als das einer Frau. Wenn nicht selbst die argentinische Rechtssprechung diesen Verdacht nahe legen würde:

2012 wurde im argentinischen Strafrecht Frauenmord als verschärfter Tatbestand eingestuft. Während Mord mit zwölf bis 25 Jahren Gefängnis bestraft wird, ist für einen Frauenmord lebenslange Haft vorgesehen.

Wer in Argentinein morden will, sollte sich also besser an Männer halten. Gleichheit vor dem Gesetz passt halt nicht in die dortige, patriarchale Macho-Kultur.

Udn vielleicht ist es auch dieses merkwürdige Verständnis von Recht und Gesetz, welches zwei Richter dazu veranlasst hat, die Strafe eines Mannes, der einen sechsjährigen Jungen vergewaltigt hat, mit der Begründung zu verringern, dieser Junge sei Vergewaltigungen vom Vater gewöhnt und hätte homosexuelle Tendenzen gezeigt:

The court papers show that judges Horacio Piombo and Benjamin Ramon Sal Llargues reduced the sentence of Mario Tolosa, a soccer club coach, who was charged in 2010 with raping the unnamed boy. The pair decided to lower Tolosa’s jail time from six years to 38 months, saying that because the boy’s father may have already raped him, he was used to such abuse and had showed homosexual traits.

Und so wie der Mord an Männern nicht so schlimm ist, weil Männer fast alle Opfer stellen, ist auch die Vergewaltigung eines Jungen nicht so schlimm, wenn dieser bereits vergewaltigt wurde. Und obendrein auch noch irgendwie schwul ist.

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12 Gedanken zu “We cry for you, Argentina!

  1. Hier wird ein paar der gewaltätigen argentinischen Machos (friedliche demonstrierende Christen) von Feministinnen das Maul gestopft, mit Schlägen, Spucke und Grafiti-Spray:

    Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man sich ansieht welche Verhältnisse für das Unterdrückergeschlecht in all den rückständigen Patriarchaten dieser Welt für herrschen. Mein neuestes Fundstück: Scheidungsväter in Israel. Da blieb mir echt die Spucke weg.

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  2. Diese Empathielosigkeit gegenüber Männern und auch Jungen kotzt mich an.

    Eine Frau arbeitet bei der Müllabfuhr und muss mit Vorurteilen umgehen – OMG, was für eine Heldin, kührt sie mit einem eigenen Artikel. Jungen sind in allen Fächer schlechter als Mädchen außer in Mathe – OMG, die armen Mädchen. Wir brauchen unbedingt mehr Mädchenmatheförderung. Und wenn dann die Jungen alle abkacken in der Schule, wird das auch erst ein Problem wenn die Mädchen später keine angemessenen Partner mehr finden, die mehr verdienen und intelligent genug sind und den hohen Anspüchen der gutgestellen Damen genügen, ist auch klar wer Schuld hat:

    „The failure of men to foot it with them educationally in equal numbers is no reason to change the education system or promote men undeservedly. The shortage of partners for highly educated women is a problem only men can solve. Get your credentials, boys.“

    Oder hier Selbstmord:

    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/may/28/worldwide-sexism-increases-suicide-risk-in-young-women

    Solange es nur hauptsächlich Männer triftt, interessiert es nicht…

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  3. Das passt wohl auch noch in diesen Kontext:

    „.. Argentine women are the most beautiful because they are obsessed with their looks. …

    La Nacion, the country’s most venerable newspaper, published a few years back a list of truths held to be self-evident by the majority of Argentines. … a third axiom was that Argentine women were the best-looking on the planet. Ask anyone in Buenos Aires why this should be the case and you will always receive the same self-satisfied answer. ‚It’s in the genes,‘ they’ll say. ….

    … one in 30 Argentines has had plastic surgery, … no other country imports more silicone implants per capita than Argentina. …

    From all of which one may fairly safely conclude that there is no country on earth where beauty, by whatever means and at whatever cost, is a greater priority in life. Why? Dr Juri has, as to all questions, a perfectly clear answer. ‚Five reasons,‘ he says. ‚Because the Argentine woman is very sophisticated and engages in a great deal of social activity; because here in Buenos Aires we do not consider ourselves Latin Americans but Europeans, and so we must look and dress the part; because the philosophy of looking after yourself is fixed in the minds of Argentine girls from a very early age; because there is enormous competitiveness among „las Argentinas“; and because good looks open the doors to love and money.‘

    http://www.theguardian.com/world/2006/feb/12/argentina

    Der Rest des Artikels „High-flying, adored and siliconised“ ist auch lesenswert.

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  4. Warum auf den Argentiniern rumhacken? Die deutsche Sprache kennt das Wort Frauenmord (das Wort Männermord natürlich nicht), um ein besonders verabscheuungswürdiges Verbrechen zu kennzeichnen. Da ist die argentinische Legislative letztendlich nur konsequent, für einen Frauenmord ein höheres Strafmaß zu verabschieden. stellt sich nur die Frage, wann aus dieser semantischen auch in Deutschland eine handfest juristische Frage wird…

    Btw.: Da es eine Tatsache ist, dass Frauen bei Straftaten einen Strafrabatt erhalten, sind wir von diesen Verhältnissen nicht so weit entfernt, wie wir vielleicht glauben.

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  5. Mich würde schon noch interessieren, wer die Morde denn ausführt. Wahrscheinlich sind die Mörder eben doch überwiegend Männer. Eigentlich wären wir dort doch viel angreifbarer. Komische Taktik.

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  6. Was ist den so besonders schlimm an dieses Frauen morden? Werden die alle vorher vergewaltigt oder werden den die Titten abgeschnitten? Es muss ja irgendwie anders ablaufen, als bei den Morden an Männern? Oder sind die Frauenmorde nur so besonders schlimm, weil es Männer sind die die Frauen töten und das ganz wäre somit nur halb so wild wenn es sich um Frauenmörderinnen handeln würde?

    Hat da jemand schon was gelesen? In dem was ich laß, stand nicht mehr als dass das besonders schlimm ist.

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  7. Ich bin zwar kein Schwuler, „wage“ es aber dennoch mal einen Kommentar abzugeben. Sich auf Argentinien „einzuschiessen“ ist voellig falsch. Glaubt ihr in eurer Naivitaet , das sei nur in Argentinien so? Der Maennerrassismus herrscht in ganz Lateinamerika, in Costa Rica wie Panama, Columbien wie Brasilien. Die Frau als heiliges Muttertier wird verehrt und angebetet und sie kann den Mann beschuldigen mit was auch immer, den irrsten Vorwurfne, ihr wird umgehend geglaubt, der Mann wird in Handschellen aus dem Haus geworfen und verurteilt. Niemals, ich betone, niemals wird hinterfragt warum ein Mann mal aggressiv auf eien Frau reagiert. Die Frau ist Mutter Gottes, voller Friede, Sanftmut und unschuldige Naive, es ist immer, ausnahmslos immer der Mann, der der aggressive ist, so stellt es die Publikation gegen Frauengewalt in Film und Funk und Fernsehn und Druckpresse und dem „Institut fuer Frauen „dar.
    Auch nur zu wagen diese Maddonenhafte Unschuld anzuzweifeln ist bereits ein Akt der Aggression des Mannes gegen die Frau.
    So ist das hier. Ich lebe hier und bin nicht nur Opfer dieses fanatischen Weiblichkeitsbildes, auch viele Freunde von mir sind es.

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    • Hi Oskar,

      sehr interessant der link zur Katholischen Kirche. Wird das auch so gepredigt? Oder ist es eine säkulare Parallelentwicklung, denn der katholische Ursprung scheint mir ausser Zweifel.

      Und klar, dass es in ganz Südamerika zumindest ähnlich ist.

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