Zwischen Rewe und Spittelmarkt – Geschichten einer (vielleicht) schwulen Stadt

Ich habe bislang immer abgestritten, dass es so etwas wie ein “Gaydar“, also das Vermögen, Schwule anhand von äußeren Merkmalen bzw. Verhaltensweisen zu erkennen, überhaupt gibt. Sicher, hat man nach wenigen Minuten die Zunge eines Mannes im Ohr, den man gerade erst kennen gelernt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser schwul ist, recht hoch. Aber ansonsten?

Die Behauptung, man würde Schwule auf der Straße erkennen, beruht ja im Wesentlichen auf Klischees, die es eben über Schwule gibt. Wenn man also auf der Straße von einem jungen Mann überholt wird, der sich auf Grund der beengten Platzverhältnisse, auf der mit Touristen überfüllten “Linden“, an einem vorbeizwängen muss, dies mit einem höflichen “Verzeihung, darf  ich mal” garniert, und es überdies auch noch versteht, beim Gehen verführerisch seine Pobacken von einer zur anderen Seite schwingen zu lassen – dann denkt man: “Ja, der ist schwul.” – und fühlt sich gut, nicht nur weil man weiß, dass man nicht alleine auf der Welt ist, sondern weil man auch ein wenig Körperkontakt abgekommen hat, ein Phänomen, rar geworden in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Und dann steht man an der Kasse bei Rewe, vor sich einen Kassierer mit Migrationshintergrund, der ein wenig gestylt ist wie Bushido, vom Körperumfang aber ein wenig kompakter, aber dennoch so aussehend, dass man – obwohl man versucht, sich ob seiner Vorurteile zu schämen – sofort an “Ey Alter, was guckst Du?” denken muss, im Gegenteil einem aber ein “Zauberhaftes Wochenende” gewünscht wird – dann denkt man: “Ja, noch eine Schwester.” – und fühlt sich gut, nicht nur weil man weiß, dass man nicht alleine auf der Welt ist, sondern weil man auch ein wenig höfliche Konversation gepflegt hat, ein Phänomen, rar geworden in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Und dann sitzt man in der U-Bahn Richtung Alex, es ist spät, man ist ein bisschen angetrunken, lässt sich durchrütteln, hört dem Quietschen der Räder zu und wartet auf die nächste automatische Ansage, deren Inhalt man schon auswendig kennt – “Ding-Dong … Spittelmarkt … Übergang zum Metrobus” -, und dann fährt man in den Bahnhof ein, die Türen öffnen sich, und eine junge Frau kommt herein, blond, sexy, mit voluminösen Busen, und es ist einem völlig gleichgültig, weil hinter ihr nämlich ein junger Mann einsteigt, so frisch wie der junge Morgen und so süß wie Schokolade, und der setzt sich einem gegenüber, legt seinen Rucksack auf die Knie, und lässt sich ebenfalls durchrütteln und hört dem Quietschen der Räder zu – “Ding-Dong … Märkisches Museum – und man denkt: “Nee, der sieht zu gut aus, der ist bestimmt nicht schwul, aber dennoch, den würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen”, und man zieht ihn in Gedanken langsam aus – geistige Hemmungen gibt es keine, man ist schließlich angetrunken – und – “Ding-Dong … Klosterstraße – oh Gott, gleich ist man am Alex, und da muss man aussteigen, und dann sieht man ihn nie wieder, aber egal, der ist ja eh nicht schwul, in dieser dummen Stadt sehen doch nur die Heten gut aus, doch auf einmal lächelt der einen an, so wie eben nur Schwule lächeln, und man ist völlig verwirrt, zieht ihn im Geiste schnell wieder an, grinst ein wenig verlegen zurück, und denkt: “Was soll das denn?”, in Berlin wird man nicht angelächelt, das ist ja wohl ein Eingriff in die Privatsphäre, und außerdem leben wir in einer individualisierten, atomisierten Welt der sozialen Kälte, da gehört sich anlächeln einfach nicht, und überhaupt – “Ding-Dong” … Alexanderplatz … Übergang zum Regionalverkehr, zur S-Bahn, zur U5 und U8, zur Metrotram, zum Metrobus und Busverbindung zum Flughafen Tegel” – dröhnt einem die dumme U-Bahn-Ansage ins Ohr, so dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann – “Change here for Bus Service to Tegel Airport” – und die Bremsen kreischen und alle springen auf, weil jeder am Alex aussteigen will, und man selbst springt auch auf, grinst noch ein wenig dümmer, und schon ist man draußen … und wieder alleine, gefangen in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt, gestrandet auf einem seelenlosen Bahnhof, zusammen mit anderen alkoholisierten Heimkehrern dieser ewig jungen Partystadt.

Und schlussendlich bleibt einem nichts anderes übrig, als ins Internet zu gehen um Pornos zu gucken, Chancen verpasst, selber schuld, aber mit den Jungs im Netz ist es ja auch alles viel einfacher – typisch in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Doch vielleicht irrt man sich ja auch. Vielleicht war ja keiner der Männer schwul, nicht mal der Süße in der U-Bahn. Denn immerhin gibt es schließlich auch das Phänomen der metrosexuellen Heterosexualität  – ein Phänomen übrigens, dass verboten werden müsste, weil es nur zur Verwirrung beiträgt und die Funktion des Gaydar empfindlich beeinträchtigt -, und man selbst wird ja auch nicht für schwul gehalten. Niemals! Nur von Schwulen, die wissen, wie das geht. Und die mit einem bereits im Bett waren.

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7 Gedanken zu “Zwischen Rewe und Spittelmarkt – Geschichten einer (vielleicht) schwulen Stadt

  1. Tja, wer weiß. Mich lächeln auch ziemlich oft Frauen an, kann mir nicht vorstellen dass die alle lesbisch sind. Aber vielleicht waren ja ein paar von denen gay.
    Ich merke es manchmal, dann aber ist es eine Gewissheit die auch meistens stimmt (wenn es sich irgendwann aufklärt). Bei dem aus meiner Verwandtschaft habe ich es auch irgendwie „gewusst“, obwohl sein Hetero-Bruder der vom Wesen und auch irgendwie vom Aussehen (Babyface) „femininere“ von beiden ist.
    Aber dem der dich in der Bahn angelächelt hat, hättest du doch ansprechen oder deine Nummer zustecken können?

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      • Schade. Aber echter Sex ist doch besser als Porno.

        Kennst du eigentlich den blog schwuler-alltag.de ?
        Der Inhaber kommt auch aus Berlin und ich fand manche Einträge sehr witzig oder nachdenkenswert. Hat mich sogar etwas an dich erinnert vom Schreibstil.

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        • aber eben weniger anstrengend als pornöses; kein emotionaler rattenschwanz im anschluss, keine paranoia der zurückweisung, keine ungeputzten zähne (und anderes), scheissgummis ectera pp.

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          • (goooootttt, warum sacht mir dat keiner? *pornöses* ist latürnich weniger anstrengend als blabla-sie-wissn-schon. freudscher verdreher offensichtlich (weia, glei ma reflexiern…)).

            sorry.

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  2. „no falling in love or crying permitted“ – das ist echt ein guter Spruch, nicht nur im Labor, sondern auch zu U-Bahnen passend?

    „in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.“

    Kein Wunder, es ist besser schüchtern zu sein und sehr abwartend, als hetero-sexueller Mann (oder Frau) sicherlich ebenfalls 🙂

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  3. „Ich habe bislang immer abgestritten, dass es so etwas wie ein “Gaydar“….überhaupt gibt.“

    brille des betroffenen anyone? 😉

    je nach ausprägung des erscheinungsbildes, kommunikativer körpersprache und rethorik, ist dieses phänomen nur schwer zu leugnen, so jedenfalls meine bisherige (subjektive) beobachtung.

    btw: sehr schöner post X)

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