Torte, es gibt Torte!

Ein schwules Paar geht in eine Konditorei und möchte eine Hochzeitstorte. Der Konditor weigert sich, weil seine religiöse Anschauung das Konzept der gleichgeschlechtlichen Ehe für sündhaft hält. Das Paar verklagt daraufhin den Konditor auf Schadenersatz…

Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir schwer zu entscheiden, welche von beiden Parteien ich alberner finde.

Wenn mir und meinem Freund eine Hochzeitstorte verweigert würde, weil wir schwul sind, was würde ich tun? (Sehen wir mal davon ab, dass mir das nicht passieren würde, weil ich in Berlin lebe und daher weiß, welche Konditorei ich aufsuchen müsste, um garantiert nicht abgewiesen zu werden).

Aber nehmen wir mal an, mir würde so etwas geschehen. In meinem Kopf spielt sich das Szenario  – dramaturgisch verfeinert – in etwa so ab:

Adrian: „Guten Tag, verehrter Konditormeister, ich hätte gerne eine Hochzeitstorte.“

Konditor: „Vortrefflich! Soll die Torte denn für Sie bestimmt sein?“

Adrian: „Durchaus!“

Konditor: „Meine herzlichsten Glückwünsche! Wann ist es denn soweit?

Adrian: „An den Iden des September.“

Konditor: „Vortrefflich! Aber wieso haben Sie Ihre Zukünftige nicht mitgebracht?“

Adrian: „Weil es, mit Verlaub, keine Zukünftige gibt. Und wenngleich ich beabsichtigte eine Torte zu bestellen und keine Konversation über mein Privatleben zu führen gedachte, werde ich Ihnen meinen Zukünftigen dennoch vorstellen. Sag ‚Guten Tag‘, Rafael!“

Rafael: „Guten Tag!“

Konditor: „Einen Moment, bitte, verstehe ich recht, Sie sind homophil und gedenken zu heiraten?“

Adrian: „Eiderdaus, nicht wahr? Und ein solch Arrangement im Jahre 2020 in Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland!“

Konditor: „Es tut mir leid, aber so etwas kann ich nicht unterstützen. Denn die Ehe, das  ist für mich etwas zwischen Mann und Frau.

Adrian: „Das ist wahrlich interessant, allerdings kann dies von mir aus gerne so bleiben. Denn ich gedenke, nicht Sie, sondern meinen geliebten Rafael zu ehelichen. Nicht wahr, Rafael?“

Rafael: „Fürwahr!“

Konditor: „Ich glaube, Sie missverstehen mich. Ich kann unter diesen Umständen keine Torte backen. Nicht für ein homophiles Paar, wie Sie beide eines sind.“

Adrian: „Ich verstehe durchaus, allerdings bin ich im Besitz der nötigen finanziellen Mittel. Gedenken Sie nicht, an diesen zu partizipieren? Ich war der Ansicht, eine derartige Übereinkunft läge im Interesse eines Konditors. Meine Finanzmittel im Tausch gegen ihre konditorischen Fähigkeiten. Es müsste auch keiner erfahren, dass Sie eine Torte für ein homophiles  Paar kredenzt haben. Sie können Ihrer Gattin ja berichten, Sie hätten heute eine Torte für ein reizendes junges heterophiles Paar gezaubert, welches den Bund der Ehe zu schließen beabsichtigt, damit die Frucht ihrer Leidenschaft nicht in Sünde auf die Welt kommt.“

Konditor: „Ich schätze es nicht, wenn man sich über mich lustig macht.“

Adrian: „Das bedaure ich zutiefst, allerdings diktiert mir meine Weltanschauung, mich über Menschen wie Sie zu mokieren.“

Konditor: „Bitte gehen Sie!“

Adrian: „Nur zu gerne. Zuvor aber noch einige Worte des Abschieds. Ihnen ist doch wohl bewusst, dass ich Sie auf der Grundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes für Gericht zitieren und Sie dort Ihrer Unterleibsbekleidung entledigen könnte? Ihnen ist doch ebenfalls bewusst, dass ich über die sozialen Netzwerke jeden homophil Veranlagten Deutschlands auf Ihr Etablissment aufmerksam könnte?“

Konditor: „Sie sind ja ein übler Mensch, ein ganz Übler!“

Adrian: „Au contraire, guter Mann! Weil ich nämlich beabsichtige, all dies nicht zu tun. Trotz Ihres flegelhaften Verhaltens halte ich Ihr Recht auf Meinungs-, Gewissens- und Vertragsfreiheit hoch, wenngleich Ihre Ansichten fürwahr abscheulich sind. Denn Toleranz, das ist meine Natur. Nicht wahr, Rafael“?

Rafael: „Fürwahr, das ist die Natur meines geliebten Adrian. Und eine der Gründe, weshalb ich gedenke, ihn zu ehelichen.“

Adrian: „Fürwahr! Und nun lass uns gehen, Rafael, um auf unserem Canapé die süßen Früchte der griechischen Liebe zu kosten. Eine Hochzeitstorte erhalten wir auch in einer anderen Lokalität.“

Rafael: „Fürwahr. Aber bitte bedenke, eine Torte mit Sahne.“

Adrian: „Sahne bekommst Du freilich, mein Lieber. Soviel Sahne wie es Dir beliebt.“

Und selbstverständlich haben wir die Torte woanders bekommen. Mit soviel Sahne, wie es uns beliebt.

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9 Gedanken zu “Torte, es gibt Torte!

  1. Die Geschichte geht aber weiter. Nicht mit Adrian und Rafael, die leben glücklich und liberal bis ans Ende ihrer Tage. Ihr Eheglück wird nur manchmal gestört, wenn Bekannte fragten: Warum habt ihr den Konditor damals nicht verklagt?

    Anders war es bei Hadrian und Ismael: Die beiden sind auch ein verheiratetes Paar. Hadrian und Ismael wollten in ihrer Verlobungszeit ein schwules Spanferkel-Essen veranstalten. Sie wurden von zwei Fleischereien abgewiesen. Sie verklagten die beiden Fleischermeister bis aufs Messer. Mit dem Schmerzensgeld von 1.000.000 Dollar eröffneten sie eine Konditorei. Seither haben sie ein Schild im Laden: Niemals werden wir Torten für eine katholische Hochzeit herstellen!

    Adrian und Rafael haben sich marktwirtschaftlich kooperativ verhalten: Es gibt ein Polypol von Konditoren, es gibt genügend Sahnetorten auf der Welt, wir finden immer eine Torte für unsere Hochzeit. Diskriminierende Bäcker muss man nicht verklagen, die sterben von selbst aus.

    Hadrian und Ismael haben den einseitigen falschen Anreiz des Staates genutzt und 1.000.000 Million Dollar gewonnen. Materiell stehen sie zumindest als Gründer besser da – und aufgrund der Einseitigkeit des Anreizes können sie sogar selbst diskriminieren. Solches Verhalten bestraft der Markt leider erst mittel- bis langfristig – aber wenn die diskriminierte Gruppe ohnehin im Hintertreffen ist: nie.

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    • Bravo Bravissimo!
      Und auch die Tags sind mit feiner Akkuranz gewählt: „Sahne“ und „Torte“ (nicht etwa: „Sahnetorte“) – das zaubert ein Lächeln ins müde Morgengesicht 🙂

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  2. Weiss gar nicht was Adrian hat, der Konditor ist wie Adrian ein Libertärer, weil wegen Freiheit und so, also machen können was man will solang es nicht strafbar ist, z.B. jemand nicht bedienen den man nicht mag. Aber irgendwie scheint der Adrian ein Rosinenpicker zu sein, rumheulen und Alfa wählen.

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    • Ich verstehe Deinen Einwand nicht. Adrian hat dem Konditor doch seine (Vertrags-)Freiheit zugestanden und ihn eben nicht staatlich gezwungen. Ist doch konsistent zu seiner libertären Einstellung. Wo siehst Du hier einen Widerspruch und damit Rosinenpicken?

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