Dekadenz – Die Freiheit nehm ich mir!

Prof. Dr. Günter Buchholz vom Blog „Frankfurter Erklärung“ ist sprachlos. Das ist schon mal eine gute Nachricht, an der man sich erfreuen sollte, solange dieser Zustand anhält. Doch worauf beruht diese Sprachlosigkeit? Auf zwei Vorkommnisse, die Buchholz als weitere Beispiele von „Dekadenz“ interpretiert (man mag darüber spekulieren, was die vorherigen Beispiele von Dekadenz gewesen seien mögen).

Nun ist das Wort „Dekadenz“ aus dem Munde eines Konservativen nicht viel mehr als eine abwertene Bezeichnung für individuelle Freiheit. Dies wird einmal mehr deutlich, schaut man sich an, welche Dekadenz Bucholz so sprachlos macht.

Der erste Fall von „Dekadenz“ bezieht sich auf eine Diskussion des Deutschen Ethikrates über die Legalisierung von Inzest. Buchholz merkt hierzu an:

Der hier geschilderte tragische Einzelfall ist mit Sicherheit nicht verallgemeinungsfähig. Er rechtfertigt aus moralischer Sicht wohl ein gewisses rechtliches Entgegenkommen, sofern das irgendwie möglich ist. Aber er kann doch nicht das Prinzip in Frage stellen!

Und warum, kann das Prinzip der Strafbarkeit von Inzest nicht in Frage gestellt werden? Wir wissen es nicht, denn Buchholz hält es nicht für nötig, diese Frage zu beantworten.

Der zweite Fall von „Dekadenz“ bezeiht sich auf einen Artikel über Dänemark und die dortigen Debatten hinsichtlich der Zulässigkeit von Zoophilie – also dem Sex mit Tieren. Hierzu fällt Buchholz gar kein Kommentar mehr ein:

Ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten. Das muß ich einräumen. Und dazu fällt mir auch nichts ein. Hier bin ich nur noch sprachlos.

Und warum? Weil Buchholz das Thema nicht behagt? Weil er nicht darüber nachdenken will? Legitim sicherlich, aber kein hinreichender Grund für ein moralisches Werturteil.

Es ist bedauerlich, dass die Sprachlosigkeit von Buchholz nicht soweit ging, zu beiden Themen gleich ganz zu schweigen, denn mehr als ein entrüstetes „Wie kann man nur?“ hat er ja offensichtlich nicht zu bieten. Um der lautstarken Stille des Herrn Buchhlz etwas entgegenzusetzen, möchte ich hier erneut meine Ansichten zu den Themen Inzest und Zoophilie kund tun, und berufe mich dabei auf zwei ältere Texte von mir, die ich hier, leicht gekürzt, wiedergebe:

Inzest ist kein Verbrechen

Der Staat kann es einfach nicht lassen, sich in private Lebensverhältnisse einzumischen, selbst wenn es um die privateste alle Privatsphären geht. Dass der Beischlaf unter Geschwistern freiwillig erfolgte, spielt hierbei keine Rolle, denn Freiwilligkeit war für die Staatsgewalt noch niemals ein Kriterium für Erlaubtes […]

Abgesehen davon, dass Deutschland nicht nur am Inzestverbot festhält, legt es dieses Verbot auch noch sexistisch aus. Denn der Einzige, der eine Strafe wegen Beischlaf zwischen Verwandten befürchten muss, ist natürlich der Mann.

[…] Der Staat will seine Bürger mit der Strafnorm vor drei konkreten Gefahren schützen:

1. Schutz vor familiärer Zerrüttung in Folge inzestuöser Liebe, da sich auch Ehepartner an Kindern vergehen.“

Versteht jemand dieses Argument? Ich nicht. Was hat jetzt das Vergehen an Kindern durch den Ehepartner konkret mit Inzest zu tun?

„2. Schutz vor Übergriffen eines überlegenen Partners – der Gesetzgeber geht davon aus, dass bei Inzest die Partner oft nicht gleichberechtigt seien, wie etwa beim Missbrauch der eigenen Kinder.“

Mit diesem Argument könnte man Sex ganz im Allgemeinen verbieten – weil es schließlich auch Vergewaltigungen gibt. Wenn ein Missbrauch stattgefunden hat, ist der auch ohne ein Inzestverbot strafbar. Dafür braucht man nicht jedweden Beischlaf unter Verwandten zu kriminalisieren.

„3. Schutz vor Erbkrankheiten, die bei großer genetischer Übereinstimmung der Eltern leichter ausbrechen.“

Nun ja, dass der deutsche Staat sich immer noch für die Erbgesundheit seiner Untertanen zuständig hält, mag wie ein Treppenwitz der Geschichte anmuten. Wenn man dieses Argument ernst nimmt, müsste man eigentlich vor jeder Absicht zur Fortpflanzung die Erlaubnis staatlicher Stellen einholen. Ganz abgesehen davon, dass auch Beischlaf unter gleichgeschlechtlichen Verwandten strafbar ist. Schutz vor Erbkrankheiten?

Berücksichtigt man das alles, muss man bei den Argumenten für ein Inzestverbot von Ausreden ausgehen, die lediglich den moralisierenden Zweck des Verbotes kaschieren sollen.

***

Die Erotik des Schweinischen

[…] was soll denn bitte schön an […] Zoophilie, also Sex mit Tieren – schlimm sein, sofern es im gegenseitigen Einvernehmen geschieht? Und sage mir jetzt bitte keiner, es sei unmöglich mit einem Tier einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zu haben. Den Beweis für das Gegenteil liefert uns die durchaus nicht unerotische Beschreibung eines jungen Mannes, der – übrigens rein heterosexuellen – Geschlechtsverkehr mit einer brünstigen Sau pflegte und seinen guten Freund in die Geheimnisse der Zoophilie einweihte:

“Kaum hatten wir die Stallungen betreten, kamen die beide Säue [sic] uns in ihren Koben entgegen und gaben jenes kehlige, rauhe [sic] Geräusch von sich, dass ich den ‘Brunstschrei’ nennen möchte. Immer wenn ich nun die Absicht habe, mit einer Sau oder einem Jungschwein in sodomitische Beziehungen zu treten, ahme ich nach bestem Vermögen diesen Schrei nach und ‘antworte’ dem Tier. Das tat ich auch diesmal, wodurch die Leidenschaft sich sichtlich steigerte. […]  Ich ging also zu einer der Säue [sic] in den Koben und begann, ihren Körper und ihre Genitalien zu streicheln. Sie nahm augenblicklich eine erwartungsvolle, passive Position ein und verhielt sich absolut regungslos, solange ich mich mit ihr beschäftigte. […] In der Regel ergibt sich keine Notwendigkeit, den Penis mit der Hand zu führen, da die Vulvae der Säue  [sic] – als Ergebnis von Niederkünften und der Brunst – mit ausreichend Sekretion versorgt sind.” [Quelle: “Sex-driven People” von R.E.L. Masters, hier zitiert nach: Midas Dekkers, Geliebtes Tier, Seite 98 ff., Carl Hanser Verlag München Wien, 1994] 

Was auch immer man von solcher “Triebbefriedigung” auch halten mag, schaden sie doch weder anderen Menschen, noch dem Tier. Wozu also die Aufregung?

Soweit also meine aus der Vergangenheit stammenden nichtsprachlosen Anmerkungen dazu.

Selbstverständlich bietet das Thema Stoff für lebhafte Debatten, im Kern jedoch muss ich darauf bestehen, dass wenn klargestellt ist, dass Inzest oder Zoophilie im freiwilligen Einvernehmen erfolgen, ich selbstredend für eine Legalisierung bin, denn Freiwilligkeit und Einvernehmlichkeit, darauf beruht meine Ethik (dabei ist mir ist durchaus bewusst, dass die Frage der freiwilligen Einvernehmlichkeit beim Sex mit Tieren nicht abschließend geklärt ist).

Was aber ist ethische Basis von Buchholz? Das ist schwer zu sagen, da er ja überhaupt keine Argumentation vorbringt. Soweit ich seinen Beitrag verstanden habe, läuft es wohl darauf hinaus, dass ihm weder Inzest noch Zoophilie persönlich behagen. Nun gut, dass ist nachvollziehbar, ist aber als Argument ebenso gehaltvoll wie das gute alte „Mein Gott mag das nicht“. Denn was man selbst mag oder nicht, ist für die Beurteilung ethischer und gesellschaftlicher Normen reichlich irrelevant. 

Ach, hätte er doch geschwiegen!

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10 Gedanken zu “Dekadenz – Die Freiheit nehm ich mir!

  1. Man sollte ihm dann vielleicht auch nicht verraten, dass die Strafbarkeit des Inzests in Deutschland bereits sehr eingeschränkt ist und sich auf PIV-Sex bezieht. Schwule Brüder oder lesbische Schwestern dürfen bereits machen was sie wollen und auch heterosexuell ist Analsex oder Oralsex nicht strafbar.

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  2. Ich würde vom Blogbetreiber gerne wissen, ob es für ihn nebst der Einvernehmlichkeit / Zustimmungsfähigkeit und der Altersgrenze keine gestzlichen Grenzen gesetzt werden sollten.
    Gemäss Adrians Argumentation dürfte der Vater mit der erwachsenen Tochter Kinder zeugen, die Mutter mit dem erwachsenen Sohn, Einvernehmlichkeit vorausgesetzt. Das wäre dann lediglich die Freiheit der Dekadenz konsequent weiter praktiziert.

    Die grundsätzliche Frage an Adrian lautet: Welchen gesellschaftlichen Zwecken dienen Gesetze, die die Sexualität einschränken. Gibt es sinnvolle Einschränkungen? Gibt es für dich prinzipiell keine moralischen Grenzen ausser der Zustimmungsfähigkeit und Einvernehmlichkeit? Das sind ernstgemeinte Fragen.

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    • „Ich würde vom Blogbetreiber gerne wissen, ob es für ihn nebst der Einvernehmlichkeit / Zustimmungsfähigkeit und der Altersgrenze keine gestzlichen Grenzen gesetzt werden sollten.“

      Soweit ich das überblicken kann: Nein, keine gesetzlichen Grenzen.

      „Welchen gesellschaftlichen Zwecken dienen Gesetze, die die Sexualität einschränken.“

      Keine Ahnung.

      „Gibt es sinnvolle Einschränkungen?“

      Nicht jenseits obiger Parameter m. E.

      „Gibt es für dich prinzipiell keine moralischen Grenzen ausser der Zustimmungsfähigkeit und Einvernehmlichkeit?“

      Bestimmt. Aber meine moralischen Grenzen sind irrelevant.

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  3. „Der Staat kann es einfach nicht lassen, sich in private Lebensverhältnisse einzumischen, selbst wenn es um die privateste alle Privatsphären geht.“
    – Aber Gendersexkunde in der Schule ist in Ordnung, ja? Super.
    Das nenn man Doppelmoral, Adrian.
    Die oberste Aufgabe des Staates ist der Schutz der Bürger. Wenn nah Verwandte (versehentlich) Kinder zeugen, ist die Wahrscheinlichkeit eines behinderten Kindes extrem hoch. Daher die Ablehnung des Staates.
    Darüberhinaus: Marc Hauser u.v.a. haben gezeigt, daß Inzest weltweit instinktiv abgelehnt wird. Wie das wohl kommt? Soziale Konstruktion? Haha. Der Gesetzgeber folgt der biologisch verankerten Moral.

    Wenn Buchholz daher von „Dekadenz“ spricht, hat er völlig recht.

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    • „Aber Gendersexkunde in der Schule ist in Ordnung, ja? Super.
      Das nenn man Doppelmoral, Adrian.“

      Nein, denn etwas lernen ist keine Einmischung und nicht das Gleiche wie etwas verbieten.

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    • Darüberhinaus: Marc Hauser u.v.a. haben gezeigt, daß Inzest weltweit instinktiv abgelehnt wird. Wie das wohl kommt? Soziale Konstruktion? Haha. Der Gesetzgeber folgt der biologisch verankerten Moral.

      Der Marc Hauser mit den 8 bestätigten Fällen von scientific misconduct? Na egal.

      Die englische Wikipedia hat eine nette Abhandlung die auch die Spannweite des Inzest-Tabus in verschiedenen Kulturen behandelt. Nachdem endogame Heiratsmuster eher häufig sind, wenn ein Klan erst einmal genug Macht oder Besitz angesammelt hat, damit es sich lohnt das in der Familie zu halten, würde ich wenn überhaupt von einem eher wenig wirkmächtigen biologischen Einfluss ausgehen.

      Was nun die Eugenik angeht. Die ist hier in Deutschland aus historischen Gründen ein schwieriges Thema. Persönlich denke ich dass es die freie Entscheidung der Leute sein sollte, ob sie das Risiko eingehen wollen. Ich kenne zwar politische Richtungen die gesetzliche eugenische Regelungen befürworten, aber ich würde es für einen unzulässigen Eingriff in deren Persönlichkeitsrechte halten, wenn man zwei Menschen nach einer human-genetischen Beratung gesetzlich verbieten wollte miteinander Kinder zu haben.

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  4. Wie erwartet, meisterhaft ist das nicht.
    Kindern weltanschauliche Inhalte von Politikern und Lobbyisten einbimsen ist nicht Aufgabe der Schule. „Lernen“ ist etwas anderes. „Wissen“ ist das Zauberwort.

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    • Die Zauberworte sind vor allem ‚Fähigkeit zum Wissenserwerb und Fähigkeit zum kritischen Abwägen. Den Kindern da uralte Stammestabus und eine religiös begründete Sexualmoral basierend auf schwindligen Konstrukten wie Naturrecht einzutrichtern, halte ich da für eher hinderlich.

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