Sozial ist Ich

Die Welt ist schrecklich. Die Welt ist ungerecht. Die Welt ist unsozial. Besonders für Leute im Pflegeberuf. Findet onyx:

Pflege ist ein sozialer Beruf, heißt es immer. Das stimmt auch, zumindest in der Bezugnahme auf andere Menschen. Nicht jedoch in der Bezugnahme auf sich selbst. Bezogen auf das eigene Leben ist der Pflegeberuf hochgradig unsozial.

Denn wenn man von sozialer Interaktion, von „sozial“, von „sozialer Gerechtigkeit“ spricht, ist das eigene Leben das eigentlich Entscheidende: Wie geht es mir dabei? Was habe ich davon? Wovon profitiere ich? Das ist die Frage um die sich alles Soziale dreht. Nicht wahr?

Abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten zu müssen, schränkt das eigene Privatleben massiv ein und damit auch die eigene Pflege des persönlichen sozialen Umfeldes. Partnerschaften und Freundschaften pflegen, das ist sehr schwer, wenn man arbeiten muß, wenn andere frei haben und umgekehrt.

Ja, das ist nun einmal so wenn man sich für einen Beruf entscheidet, dessen Kernaufgabe in der Verantwortung für andere Menschen besteht, die sich nicht oder nur schlecht um sich selbst kümmern können.

Es ist wichtig, Menschen um sich zu haben, die Verständnis dafür haben, dass man nicht immer Zeit für sie hat. Und solche Menschen sind selten und darum Gold wert.

Wertvoller als Gold!

Die meisten Menschen haben weder Lust, sich Alltagsgeschichten aus der Pflege anzuhören, weil es anstrengend, traurig oder einfach eklig ist, noch haben sie Lust, jedesmal Rücksicht zu nehmen, wenn man gerade müde und fertig ist und keine Lust auf Party hat.

Ja schlimm, diese meisten Menschen. Nehmen keine Rücksicht auf meine Bedürfnisse, die sich aus einem Beruf ergeben, der mühsam und anstrengend und notwendig ist, und den ich mir selbst ausgesucht habe.

Es ist unsozial, von heute auf morgen Dienständerungen hinnehmen zu müssen.

Ist ja auch blöd. Warum könne die Alten und Kranken ihre Plegebedürftigkeit nicht besser terminieren? Wissen die denn nicht, dasss ich keinen Bedarf für spontane Terminänderungen habe?

Es ist unsozial, sein Privatleben nicht planen zu können.

Im Gegensatz zu allen anderen Berufen, in denen das Privatleben voll durchorganisiert und vom Staat umfassend geplant ist.

Es ist unsozial, aus dem Frei zum Dienst zitiert zu werden, weil wieder irgendjemand ausgefallen ist.

Blöde Kollegen, aber auch. Wie können die es wagen einfach ausfallen? Was habe ich mit den Wehwehchen meiner Mitmenschen zu tun? Können die nicht jemand anderen finden, der einspringt? Voll unsozial sowas!

Es ist unsozial, wenn man in seiner Freizeit so ausgebrannt ist, dass man die Zeit zum schlafen nutzen muß und keine Energie für Familie und Freunde hat.

Wo bitte bleibt die Solidarität der Gesellschaft, die mir diese Zeit zuteilt? Nur weil ich einen arbeitsintensiven Beruf ergriffen habe, folgt daraus doch nicht zwangsläufig, dass mein Beruf arbeitsintensiv sein muss!

Es ist unsozial, wenn man es sich finanziell nicht leisten kann, seine Arbeitszeit so zu gestalten, dass man sich mehr Zeit für seine Familie und Freunde nehmen kann.

Eben! Mehr Geld ist von Nöten. Viel mehr Geld. Damit ich sozial sein kann. Denn nur das ist sozial!

Es ist unsozial, sich trotz massiver gesundheitlicher Einschränkungen jahrelang durch eine Vollzeitstelle schleppen zu müssen, weil man Angst vor der Altersarmut hat.

Aber echt. Warum kann ich nicht einfach aufhören zu arbeiten (so mit 30 zum Beispiel) und trotzdem auf eine dicke Rente hoffen? Die Gesellschaft hat doch genug Geld. Und insbesondere mein Nachbar, der übrigens ein Mann ist! Warum gibt mir der Staat nicht dessen Geld?

Es ist unsozial, wichtige Termine wie Arztbesuche oder Behördengänge auf lange Zeit hinausschieben zu müssen, weil sie mit dem eigenen Schichtplan unkompatibel sind.

Und besonders unsozial ist es, weil es einfach unfair ist von mir zu erwarten, Einschränkungen für einen arbeitsintensiven Beruf hinzunehmen, von dem ich nicht wissen konnte, dass er so arbeitsintensiv ist, und zu dem man mich gerdezu getrieben hat, weil, nun, weil… – Unsozial!

Es wäre schön, wenn Pflege mal ein wirklich sozialer Beruf werden würde.

Ja, es wäre schön, wenn sich die gesamte Gesellschaft nach meinen Bedürfnissen richten würde, ich keinerlei Einschränkungen unterworfen wäre, und ich so wenig wie möglich Verantwortung für meine Entscheidungen tragen müsste. Denn nur das wäre wirklich sozial!

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10 Gedanken zu “Sozial ist Ich

  1. Mir hat mein Klassenlehrer mal ins Zeugnis geschrieben: »m hat den Ernst des Lebens nicht begriffen«. Leider hat er mir sein tolles Geheimnis nie verraten. Und nun ist er tot.

    Wie alt ist onyx eigentlich, weiß das jemand? Auf mich wirkt so etwas immer wie das Jammern pubertierender Jugendlicher. Das Leben ist hart. Schocker!

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    • Das ist ein wichtiger Punkt!

      Viele Monteure z.B., die Produktions-Anlagen warten oder irgendwie umbauen sollen, können erst dann mit ihrer Arbeit beginnen, wenn die Spätschicht beim jeweiligen Kunden beendigt ist: Erst dann sind die betreffenden Maschinen frei zur Wartung oder zum Umbau. Ähnlich bei vielen SPS-Programmierern, die häufig auch erst nach Schicht-Ende ihre Programmierung bei den Anlagen des Kunden testen und ggf. überarbeiten können.

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  2. Pflege ist ein Scheißjob, da hat sie durchaus recht.
    Es ist unklar, ob er immer noch so scheiße wäre, wenn nur Männer in ihm arbeiten würden und damit der Krankenstand um 70% fallen würde, so dass Einsatzpläne zuverlässig wären.

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    • Was ich halt nicht verstehen kann, ist diese Anspruchshaltung bei einem offensichtlich schweren und arbeitsintensiven Beruf, den kaum jemand machen möchte.
      Wie sehen denn onyx‘ Lösungsansätze aus?
      Oder wollte sie einfach nur mal rumjammern und auf die schreckliche Ungerechtigkeit der Welt hinweisen, die darin besteht, dass nicht jeder Beruf mit dem Anspruch auf Halbtagsarbeit bei vollemLohnausgleich zu vereinbaren ist?

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      • „Wie sehen denn onyx’ Lösungsansätze aus?“

        Das übliche (feministische) Lala-Land: Die Welt muss so sein, dass keiner Frau mehr etwas zugemutet wird, was man als Leid auffassen könnte.
        Wenn die Welt so nicht ist, ist sie falsch.
        Mehr Analyse und Lösungswege gibt es meines Wissens nicht.

        Wäre sie nicht dumm, würde sie eine Modellrechnung aufstellen, wie die Branche aussehen würde, wenn man den Frauen etwas mehr zahlt, so dass sie weniger arbeiten müssen, so dass sie weniger krank machen müssen, wodurch das Verhältnis von bezahlter-geleisteter zu bezahlter-ungeleisteter Arbeitszeit besser wird, so dass unterm Strich durch die höhere Effizienz bessere Leistung ohne Mehrkosten rauskommt.

        Bekäme sie das hin, könnte man sie ernst nehmen. Bekäme sie das aber nicht hin, könnte sie nicht mehr die Schuld auf die fiesen männlichen Kapitalisten schieben, die versuchen, die Pflegeheime rentabel und damit offen zu halten.

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  3. Und wenn man sich dank Dauergewinsel soweit von der Realität entfernt hat, schreibt man so etwas:

    „Es ist unsozial, wichtige Termine wie Arztbesuche oder Behördengänge auf lange Zeit hinausschieben zu müssen, weil sie mit dem eigenen Schichtplan unkompatibel sind.“

    Ich habe selbst Schicht gearbeitet und einer der Riesenvorteile war, dass man immer schnell einen Arzttermin bekam, weil man eben auch vormittags kann. Gilt natürlich ebenso für Behördengänge.

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  4. Ich habe früher zwei Jahre lang auf einer Altenpflegestation gearbeitet. („Pflegestufe 3“ hieß das damals. Danach kommt nur noch das Beerdigungsinstitut.) Aus diesem Grund kann ich die Klagen von onyx gut nachvollziehen.

    Ich denke, Adrian hat einen starken Punkt mit seinem Hinweis darauf, daß man (und auch frau) bei der Berufswahl zu einem Gutteil seines eigenen Glückes Schmied ist: Man trägt eine Verantwortung dafür, daß man eine bestimmte Ausbildung absolviert, einen bestimmten Beruf ergreift, in dem einmal gewählten Beruf bleibt und nicht etwa eine Umschulung macht und dann in einem besseren Bereich tätig wird.

    Klar sollte aber auch sein: Diese Verantwortung hat gewisse Grenzen. Junge Leute, die z. B. in einer Struktur-schwachen Region einen Beruf ergreifen müssen, haben es schwerer als Leute, die z. B. im Rhein-Main-Gebiet unter vielen Angeboten wählen können. Der Mann einer Kollegin von mir wurde als Jugendlicher von seinen Eltern aus der Schule genommen, damit er schwarz auf dem Bau arbeiten konnte. So jemand hat natürlich ungleich schlechtere Ausgangs-Bedingungen als jemand, der über ein Abitur verfügt.

    Immer noch bleibt Adrians Punkt bestehen – mit kleinen Einschränkungen, meine ich.

    Wenig angemessen erscheint mir der Sarkasmus in diesem ganzen Thread. Denn wie oben treffend bemerkt worden ist: „Pflege ist ein Scheißjob“. Da kann man schon mal ins Jammern verfallen – manchmal hat Selbstmitleid gute Gründe.

    Zweifelhaft ist natürlich die Tendenz von onyx, den schwarzen Peter einfach der Gesellschaft oder den anderen Menschen zuzuschieben: also weder eine Perspektive zu entwickeln, wie man wenigstens selber aus dieser Scheiße rauskommt – noch mit einer Art „Modellrechnung“ aufzuzeigen, wie man den Pflegeberuf für all seine Mitarbeiter attraktiver gestalten könnte. Nein – die Gesellschaft ist Schuld, die soll das jetzt endlich verbessern!

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