Haarscharf an der Freiheit vorbei

Kritische Texte über Gender lese ich teils zustimmend, teils kopfschüttelnd, teils mit einer Mischung aus Zorn und hemmungslosen Amüsement. Zu letzterer Kategorie gehört ein Beitrag von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, seines Zeichens Biologe, der auf der Webseite des Deutschen Arbeitgeberverbandes ein Elaborat verfasst hat, mit dem er den Kritikern der Genderkritik einen Bärendienst erweist.

Warum sich der Deutschen Arbeitgeberverband („Markt & Freiheit“) bemüßigt fühlt, Kutschera eine Plattform zu bieten ist nicht ganz klar; offenbar hat man sich in den Chefetagen der Republik aber dazu entschlossen, Partei im gesellschaftlichen Kulturkampf zu ergreifen, anstatt seinen eigentlichen Job zu tun und Profit zu erwirtschaften.

Kutscheras Beitrag könnte man unter anderen Umstände ignorieren, es gelingt mir aber aus zwei Gründen nicht: Erstens wegen der abgrundtiefen Nichtigkeit, an der sich seine Kritik entzündet, und zweitens wegen eines gar lustiges Details, welches unabsichtlich seine Reputation als Biologe – zumindest in meinen Augen – schmälert.

Anlass der Kritik ist folgende Postkarte welche das Bundesministerium für alle außer Männer (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) anlässlich eines Festaktes zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit verteilt hat.

Gleich geht's weiter
Kutschera schreibt hierzu:

Auf einem professionell hergestellten Foto ist ein dämlich-besorgt dreinblickender junger deutscher Mann zu sehen, der in demütiger Körperhaltung einen Blumenstrauß in der linken Hand hat. Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens: Intelligent-weißhäutig, und somit mit dem Potential zum gutverdienenden beamteten Lehrer ausgestattet, aber gleichzeitig mit einem sensibel-weichgespülten Wesen. Die maskulinen Züge des Mit-Zwanzigers sind kaum noch erkennbar.

Nun sind Eindrücke naturgemäß subjektiv, es ist allerdings auffallend, wie abfällig Kutschera über das Antlitz eines jungen Mannes schreibt, das – welch Ironie! – dem Kutscheras nicht nur ähnlich ist, sondern das man überdies zuhauf in sämtlichen Städten dieser Republik und der westlichen Welt antreffen kann. Ein Mann, der sympathisch erscheint und durchaus attraktiv ist, sicher noch nicht mit beiden Beinen im Leben steht – aber wer erwartet das schon, wenn man gerade Mitte zwanzig ist?

Seine Partnerin, eine gleichaltrige, ebenfalls kaukasische junge Frau mit Hochzeits-Schleier, hält, liebevoll herabblickend, eine schwere Motor-Kettensäge in den Armen, als wäre dieses grobe Holzfäller-Werkzeug ihr leibliches Baby. Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin, aber die Tatsache, dass ein heteronormales Mann-Frau-Paar dargestellt ist, muss im genderisierten Deutschland 2015 lobend hervorgehoben werden.

Dass sich beim Anblick des Bildes, und der dargestellten Protagonisten, bei mir so gar kein moralisierender Eifer einstellen mag, mag meinen Habitus als homounnormaler Warmduscher ohne stark ausgeprägte maskuline Züge geschuldet sein, jenen Exemplaren also, die Kutscheras Wunschtraum eines echten Mannes augenscheinlich nicht entsprechen.

Mit der auf unserer „Gleich geht’s weiter“-Postkarte abgebildete junge Braut wird sich wohl nur eine kleine Minderheit Gender-vernebelter „Kampf-Emanzen“ identifizieren können – die Mehrzahl der evolutionär/physiologisch normal entwickelten Frauen wird in diesem Foto im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Arm genommen“ bzw. zur Lachnummer gemacht. Eine große, schwere Motorsäge als Baby-Ersatz abzubilden und den im besten Mannesalter stehenden Jüngling zu einem weichgespülten Volldeppen zu erniedrigen, ist für normale Menschen verachtend – es zeigt daher eindrucksvoll, was die GM-Religion aus den ehemals arbeitsteilig-gleichberechtigten Männern und Frauen der Wirtschaftswunder-Jahre gemacht hat: Widernatürliche „Mann-Frauen“ mit reduziertem Arbeitsleistungs- und Reproduktionspotential (Kreativitäts- und Geburtenrückgang der Ureinwohner Deutschlands).

Was mich an diesen Äußerungen gleichsam vor Zorn beben lässt ist, ist die absolute Negation jedweder individuellen Freiheit zugunsten eines uniformen Idealbildes von Frau und Mann, von Männlichkeit und Weiblichkeit, und die anmaßende Kategorisierung als unnormal und „widernatürlich“ all jener Menschen, die dem subjektiven Ideal Kutscheras nicht entsprechen. Das halte ich für weitaus menschenverachtender als eine harmlose Postkarte mit dem Abbild zweier alltäglich aussehender, stinknormaler junger Menschen, welche für Gleichstellung der Geschlechter wirbt. Jedwede berechtigte Kritik, die man am Gender Mainstreaming, dem Feminismus und dem Konzept der Gleichstellung anbringen kann, wird damit einer biologistischen, autoritären Sicht auf Menschen geopfert, die in meinen Augen ebenso verwerflich ist, wie sämtliche Versuche einen neuen gendergerechten Menschen zu formen.

Zumal Kutschera, womit wir wieder zum amüsanten Teil des Beitrages zurückkommen, durchaus unbiologisch argumentiert und, ohne es zu merken, knietief ins Fettnäpfchen des sozialen, gesellschaftlichen konstruierten, Geschlechts gegriffen hat.

Erinnern wir uns, was Kutschera über den jungen Mann auf dem Bild geschrieben hat:

Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens […]

Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin […]

Offensichtlich ist bei Kutschera eine leichte Abneigung gegen Männer mit langen Haaren zu spüren; offenbar machen in seinen Augen eben diese langen Haare Männer weniger maskulin, sondern eher unnormal, ja „widernatürlich“ gar.

Doch wie erreicht man bei Männern das Ideal einer schneidigen Kurzhaarfrisur? Korrekt! Indem man der Natur ins Handwerk pfuscht, indem man das natürlich wachsende, lange Haupthaar auf dem Kopf des Mannes zurechtstutzt, indem man eine ewigen Kampf gegen die Biologie des Haarwuchses führt – im Übrigen auch dem des Bartwuchses, den der junge Mann auf dem Bild durchaus aufweist.

Ausgerechnet die Kurzhaarfrisur als Inbegriff der Männlichkeit in einem Artikel zu erwähnen, der mit der Natürlichkeit und biologischer Konformität der Geschlechter argumentiert, ist dermaßen erheiternd, dass man mein Lachen noch hören wird, wenn die Spezies Homos sapiens längst vom Angesichts der Erde verschwunden sein wird.

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Warum es Geschlechter gibt

Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera von der Universität Kassel steht unter Beschuss progressiver, linker und feministischer Kreise, weil er sich kritisch gegenüber der Genderforschung geäußert hat.

Darf man das sagen? Im Jahr 2015? Dass mit der Geschlechterforschung „eine andere, quasi-religiöse Strömung unter der Tarnkappe des Gender Mainstreaming Fuß fasst und immer mehr, gleich einem Krebsgeschwür, sämtliche Fachgebiete erobern möchte“? Ja, findet Ulrich Kutschera.

Natürlich darf man das sagen. Auch im Jahre 2015. Zumal diese Aussage durchaus nicht falsch ist. Die Quasi-Religion, die sich innerhalb der Geschlechterforschung zunehmend austobt, ist die des postmodernen Feminismus, welche von der sozialen Konstruktion der Geschlechter und der Unterdrückung der Frau durch ein soziales System ausgeht, welches von Männern zu deren Vorteil erschaffen wurde. Die Prämisse ist also bereits von vornherein gesetzt, die Ergebnisse werden dieser Prämisse angepasst. Das ist alles, aber keine Wissenschaft.

Genau das beobachtet auch Kutschera:

Wenn er sich die Aktivitäten in der Geschlechterforschung anschaue, dann sei klar, das habe nichts mit Naturwissenschaft zu tun. „Naturwissenschaftler erforschen reale Dinge, die wirklich existieren“, sagte Kutschera. „Unsere Theorien basieren auf Fakten, während in der Sozialkunde eben vor sich hin theoretisiert wird in aller Regel, und Fakten wenig zählen.“

Nun mag man es bedauern, dass Kutschera zu einem Rundumschlag gegen die Sozialkunde an sich ausholt, dennoch gebe ich ihm im Kern recht. Innerhalb der Geschlechterforschung werden biologische Grundlagen zu Geschlechtern so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen. Dabei kann man Geschlecht überhaupt gar nicht ohne Biologie, ohne Evolutionsbiologie, ohne sexuelle Selektion, Fitness und Kosten betrachten. Dass die Geschlechter nur auf der Grundlage der Fortpflanzung existieren gilt in der Genderforschung weitgehend als Tabu. Stattdessen werden geschlechtliche und sexuelle Minderheiten wie Trans-, Inter- und Homosexelle als Beleg für eine soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit überhaupt angeführt; gilt der postmoderne Feminismus und seine Doktrin von der Unterdrückung der Frau vielfach als Leitbild der Geschlechterforschung.

„Das ist eine feministische Sekte, die uns da ihren Unsinn aufdrückt – und alle machen widerstandslos mit.“ Solche Aussagen weckten Widerspruch unter anderem beim Asta, der sich mit einem Brief an die Hochschulleitung wandte und eine Stellungnahme forderte.

Und die antwortete prompt:

„Die Universität Kassel legt in ihrem Entwicklungsplan dar, dass sie Gleichstellung und Diversity als zentrale Themen ihrer Entwicklung begreift“, heißt es in der Erklärung des Uni-Präsidiums. Man habe sich verpflichtet, „eine Organisationskultur zu pflegen, die von gegenseitiger Anerkennung und Teilhabe aller Mitglieder der Hochschule geprägt ist. Die Universitätsleitung wird mit Herrn Prof. Kutschera das Gespräch suchen, um ihn an diese Grundsätze zu erinnern.“

Man beachte zunächst, dass diese Grundsätze der Universität Kassel nichts mit Wissenschaft zu tun haben. „Gleichstellung und Diversity“ sind keine Bestandteile wissenschaftlicher Forschung, sondern politisch Leitlinien. Man kann nur hoffen, dass diese Stellungnahme ein reines Alibi ist, um die  Gegner Kutscheras zu besänftigen. Andernfalls könnte man auf die Idee kommen, dass sich an der Universität Kassel die Forschung politischen Leitlinien unterzuordnen habe.

„Den Lehrenden der Universität steht es grundsätzlich frei, sich an der öffentlichen Debatte zu beteiligen; dieses Recht respektiert die Leitung der Universität Kassel selbstverständlich“, heißt es in der Uni-Stellungnahme dazu. „Die Hochschulleitung ist zugleich der Auffassung, dass diese Debatte in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts stattfinden soll, auch des Respekts gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen.“

Glück gehabt. Die Unileitung versucht also tatsächlich lediglich , die Wogen zu glätten, erwartet von Kutschera aber Respekt gegenüber der Genderforschung.

Ich bin sicher, dass Kutschera gewillt ist, dies zu tun, wenn es denn Anlässe zu Respekt gäbe. Und, gibt es die? Laut Kutschera eher nicht:

Es sei allerdings „ungeschickt“ gewesen, „sich zuerst auf Interviews einzulassen, und erst im zweiten Schritt die Faktenlage in Buchform dazulegen“. Das werde er im kommenden Jahr nachholen. Das Buch zum „Gender-Paradoxon“ sei für Anfang 2016 geplant. „Damit werde ich die letzten Nägel in den Sarg der Gender-Ideologie schlagen.“

Und eben jene Kritik an der „Gender-Ideologie“ ist ja das, was den Asta überhaupt bewogen hat, Kutschera bei der Unileitung anzuschwärzen. Sind seine Thesen für sich progressiv gebende Genossen doch einfach zu provokant:

Es gebe etliche Studien, die zeigten, „dass Männer – unabhängig, ob sie jetzt in Arabien leben oder in Israel oder in Deutschland oder Russland – dass Männer über alle Kulturen hinweg deutlich jüngere, attraktive, fertile, nicht besonders wortgewandte Frauen bevorzugen. Männer sind quasi die Urviecher in uns, die Affen… Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so.

Das so etwas provoziert ist eigentlich absurd, denn genau diese Ergebnisse kann man problemlos selbst erleben, wenn man raus auf die Straße geht. Diese Ergebnisse über die Partnerpräferenz bei Männern sind im Schnitt ebenso wahr, wie jene Erkenntnisse, dass Frauen ältere, erfahrene Männer bevorzugen; Männer die sich bewähren, die ihre evolutionäre Fitness beweisen, Männer die bereit sind Frauen zu beschützen und zu umsorgen und welche Ressourcen besitzen, die es Frau ermöglichen ihrem Nestbau- und Brutpflegetrieb nachzugehen.

Biologisch ist das absolut einleuchtend. Denn Geschlechter existieren zum Zwecke der Fortpflanzung. Zu nichts anderem.

5 Thesen zu Geschlecht und Gender

Christian, vom formidablen Blog „Alles Evolution„, hat mich aufgefordert, 5 Thesen zum Thema Gender aufzustellen. Bitte sehr!

1. Geschlechtsrollen haben einen weitgehenden biologischen Ursprung.

2. Männer und Frauen haben ein Bedürfnis, sich voneinander zu unterscheiden.

3. Die Sexualität von Männern und Frauen ist unterschiedlich.

4. Das, was der Feminismus als Unterdrückung der Frau bezeichnet, hat seine Ursache in der Tatsache, dass nur Frauen Kinder auf die Welt bringen können.

5. Heterosexualität ist der tragische Versuch, zweier nicht kompatibler Menschen, miteinander auszukommen.

Bei Kritik an diesen Thesen bedenke man bitte, dass ich diese innerhalb von sieben Minuten in einer vollbesetzten Straßenbahn nach dem Joggen verfasst habe. Ich denke dennoch, dass sie alles in allem mehr Substanz haben, als sämtliche Genderlehrgänge an deutschen Universitäten zusammengenommen.

Reise in die Vergangenheit

Bei der täglichen schwulen Presseschau heute morgen fiel mir ein Artikel im „Stern“ auf, der sich mit dem neuesten Trend der Metrosexualität beschäftigt. Nanu, dachte ich, Metrosexualität? Das ist doch schon lange wieder out. Dann merkte ich, dass der Artikel von 2005 ist und aus irgendwelchen Gründen vom LSVD in deren Presseticker verwurstet wurde. Sommerloch?

Trotz der wenig aktuellen Berichterstatung möchte ich den Artikel kurz kommentieren, weil mir eine Passage sauer aufgestoßen ist:

Der Metrosexuelle lebt seine weibliche Seite aus, pflegt sich mit teuren Produkten und sieht gut dabei aus. Seine sexuellen Präferenzen stehen jedoch außer Frage: Er will Frauen. Schwul leben, aber nicht schwul sein, ist die Devise.

Schwul zu sein bedeutet, als Mann auf Männer zu stehen. Wenn ein Mann auf Frauen steht, kann er per Definition demnach nicht „schwul leben“, ganz egal, ob er sich jeden Tag duscht oder die Klobrille anhebt, wenn er pinkelt; wenn er also Dinge tut, die bei Hetero-Männern eher selten vorkommen…

Man merkt halt, dass dieser Artikel zehn Jahre alt ist, denn derart primitive Klischees würde heute kaum noch jemand aufs Papier bringen, nicht mal ein so hochkarätig seriöses Blatt wie der „Stern“. 

„Ich würde mir eine Normalisierung der Homosexualität wünschen“

Der geschätzte Leser „Nachtschattengewächs“ hat einen schönen Kommentar geschrieben, der meines Erachtens formidabel das Konzept von Toleranz und Akzeptanz beschreibt, und einen Wunsch zum Ausdruck bringt, wie eine Gesellschaft Homosexualität behandeln sollte. Ich habe mir hierbei die Freiheit genommen, bestimmte – für mich besonders wichtige – Passagen fett hervorzuheben:

„Damit weiss ich immer noch nicht wie er auf die Idee kommt man wolle die ‘Zwangsheterosexualität’ durch Homosexualität als ‘neue Normalsexualität’ ersetzen. Ich gebe ja zu dass ich schon die eine oder andere Radfem in die Richtung habe lästern hören, aber das ist meiner Meinung nach als politische Absicht in etwa so glaubhaft wie Femdom-Phantasien aus der Kink-Ecke. Die haben es auch oft mit Emaskulation und Zwangshomosexualität. Prima Comedy-Material, und sicher aufregend wenn man in die Richtung geht, aber weder praktikabel noch von einer signifikanten Menge von Leuten tatsächlich gewünscht.

Zwangsheterosexualität ist, denke ich, mehr ein politisches Schlagwort. Es herrscht zwar immer noch ein starker sozialer Druck homosexuelle Neigungen nicht auszuleben, aber zum Glück ist es nicht mehr strafbar und es wird langsam gesellschaftsfähiger. Trotzdem ‘schwul’ ist immer noch ein beliebtes Schimpfwort.

Ok. Widerspruch? Eigentlich ja. Aus zwei Gründen: Erstens weil ‘gegenseitige Toleranz’ im Sinne von Duldung, mir zu kurz greift. Der Bestand der Duldung wäre ja schon, als Beispiel, mit der Einstellung des Herrn Gabalier erfüllt, der uns Schwule ja gar nicht vom schwulem Zusammenleben abhalten will, solange er uns bloß nicht sehen muss.

Mir ist natürlich klar, dass ich nicht von jemandem verlangen kann dass er seine wie auch immer geartete Abneigung gegen Schwule ablegt und uns jetzt toll findet. Genauso wenig wie ich von jemandem verlangen kann der Türken oder Chinesen für irgendwie eklig hält, seine leicht rassistisch Einstellung abzulegen. Es ist aber, denke ich, hierzulande weitgehend Konsens, dass mein chinesischer Kollege auch von diesem Menschen trotzdem mit Respekt und der angemessenen Höflichkeit behandelt werden sollte, unabhängig davon was der jetzt generell von Chinesen hält.

Das heißt, ich wäre mit dem weiten Halbsatz glücklicher wenn er ‘…und zwar mit den unstrittigen Zielen wechselseitiger Toleranz und gegenseitigem Respekts’ lauten würde.

Zum Zweiten denke ich dass eine Beschränkung auf den Sexualkundeunterricht den kulturellen Aspekt unterschlägt, der doch einen wesentlichen Teil der viel beklagten Heteronormativität ausmacht.

Ich würde mir eine Normalisierung der Homosexualität wünschen. Normalisierung hier bitte nicht als Setzung einer Norm missverstehen. Die Idee ist einfach der Sache den Ruch des Außergewöhnlichen, Verdächtigen und Abweichlerischen zu nehmen. Ich würde es begrüßen, wenn der Umstand, dass jemand sich eher in gleichgeschlechtliche Partner verliebt (oder sich entgegen seines oder ihres Geschlechtsrollenbildes verhält und präsentiert) und das auch selbstverständlich zeigt, nicht mehr Aufregung und sozialen Druck erzeugen würde, wie der Umstand dass jemand natürlich rote Haare hat.

Wenn wir eine solche Normalisierung als Teil des gleichberechtigten Erziehungsauftrags der Schule anstreben, dann wäre es hilfreich, wenn Homosexuelle nicht nur in dem Medien sondern auch in den Lehrmaterialien als selbstverständlich dargestellt werden. Das hieße z.B. eben auch dass Klein-Erna bedarfsweise auch mal mit Papa und Papa zum Jahrmarkt geht, in den Leseübungen, oder das Miss and Miss Smith eventuell auch mal die Hochzeit ihres Sohnes Kevin mit seinem Mann vorbereiten. Nicht ausschließlich oder auch nur mehrheitlich, sondern eben auch. Und das ginge über die vorgeschlagene ‘Abhandlung im angemessenen Umfang’ wohl hinaus.

Blogstöckchen: “Was anders wäre”

Einer meiner Lieblingsheteros, der Blogmaster von „Alles Evolution“, hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen, welches ich galant aufgefangen habe. Es geht dort um Frauen, Männer und Geschlechtertausch.

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du eine Frau wärst?

Dazu müsste man erst mal evaluieren, was es heißt eine Frau zu sein. Wäre ich so wie jetzt auch, nur mit einem weiblichen Körper? Wenn das der Fall wäre, fände ich das aller Voraussicht nach ziemlich cool. Das Angebot an verfügbaren, willigen Männern würde enorm zunehmen. Ich würde mich also ziemlich ungeniert durch die Gegend vögeln. Später würde ich aller Voraussicht einen hübschen wohlhabenden Mann heiraten und mindestens zwei Kinder gebären. Das übliche halt. Zuvor müsste ich allerdings meinen Kleiderschrank neu bestücken. Ich habe nämlich überhaupt keine BHs.

Ansonsten finde ich diese Frage extrem schwierig zu beantworten. Ich bin nun mal ein Mann und damit biologisch und sozial vorgeprägt. Was weiß ich, welche Interessen und Verhaltensweisen  ich unter dem Einfluss weiblicher Hormone und einer Erziehung als Tochter und Sozialisation als Frau an den Tag legen würde?

2. Was tust du nur deshalb, weil du ein Mann bist?

Auf die Männertoilette gehen. Im Stehen pinkeln. Mich rasieren. Mir meine Brust epillieren. Fitness.

Ansonsten fällt es schwer, mir etwas auszumalen, was ich spezifisch nur deshalb tue, weil ich ein Mann bin. Ich wühle mich weder bemüßigt, bei männlichen Statuskämpfe zu verfallen, noch gesellschaftlich „meinen Mann“ zu stehen. Ich mach halt mein Ding. Adrianesk.

3.Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann bist?

Auf die Frauentoilette gehen.

 4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Das Klischee, dass man als Mann auf Frauen zu stehen hat, und Frauen besonders liebt und nett behandeln sollte. Das Klischee, dass man etwas leisten muss, um als Mann anerkannt zu werden. Das Klischee, dass Männer immerfort hart, rauh und emotionslos sein müssten.

5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Männer zu gehören.

Der gute alte Dreier. Wenn sie kommen, kann man es selbst als Mann gut einrichten, ebenfalls zu kommen. Für eine Frau wäre das schwieriger.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich würde sagen, ziemlich oft. Im Geschäftsleben. Im drögen Alltag. Im Grunde genommen finde ich die meisten Menschen irgendwie schräg, unabhängig vom Geschlecht.

Fazit

Was mich angeht, bin ich gerne ein Mann. Aber eben ein schwuler Mann. Ich liebe Männer, ich brauche Männer. Die Vorstellung, als heterosexueller Mann durchs Leben zu gehen, ist für mich geradezu grotesk. Man stelle sich den Grad der Verantwortung vor, den gesellschaftlichen Druck “seinen Mann zu stehen”, die Rollenerwartung, das ewige Gezänk im Geschlechterkrieg und natürlich die Tatsache, dass man dann nichts mehr von anderen Männern wissen will.

Das alles brauche ich nicht wirklich. Wenn schon hetero, dann natürlich als Frau. Abgesehen davon, dass das Leben als Frau leichter ist, kann man am Privileg – ja, ich betrachte es tatsächlich so, auch wenn es albern klingt -, Männer zu lieben und mit ihnen zu schlafen, festhalten.

Was natürlich umgekehrt die Frage aufwirft, was mir meine Männlichkeit tatsächlich bedeutet, wenn ich auch keine Probleme damit hätte, als heterosexuelle Frau durchs Leben zu gehen. Ich denke darauf gibt es zwei mögliche Antworten:

a) meine Männlichkeit bedeutet mir nichts, weil ich ja bereits zugegeben habe, mir auch ein Leben als Frau vorstellen zu können

b) meine Männlichkeit ist so sehr gefestigt, dass ich sie ohne größere Probleme in Frage stellen kann

Wie ich es auch drehe und wende, letztendlich komme ich immer wieder zu folgendem Fazit: Das Geschlecht, das ich lieben, mit dem ich leben, mit dem ich in Bett gehen will, ist mir letzendlich wichtiger, als mein eigenes.

Ich werfe das Blogstöckchen nun mal zu „#auschfrei„.

Kreuzberg kussfrei

Zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am Sonntag plant das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo ein „Kiss In“ in Kreuzberg, vermutlich mit dem Ziel, auf homophoben Einstellungen unter Menschen mit Migrationshintergrund aufmerksam zu machen, und dem symbolisch etwas entgegenzusetzen. Nicht der Rede wert sollte man meinen, wenn da nicht GLADT e.V. wäre, ein Verein lesbischer und schwuler Türken. Die haben nämlich Kritik anzumelden, wenn sich Männer in Kreuzberg küssen wollen. Warum? Nun, um das zu verstehen, muss man die reale Welt verlassen und in die Parallelwelt des postmodernen „Antirassismus“ und „Antisexismus“ eintauchen:

„Schöne Idee. In der Theorie. Aber zu kurz gedacht“, urteilt dagegen GLADT e.V. Der Verein beklagt, dass er und andere Gruppen, die vor Ort Antidiskriminierungsarbeit leisteten, nicht in die Planung einbezogen worden seien. Außerdem sei es „grotesk“, dass eine „weiße, cis-männlich-dominierte, schwule Organisation“ diese Aktion durchführen wolle („cis“ steht für Cisgender, das Gegenteil von Transgender). Maneo missbrauche diese Orte als „Kurzzeit-Bühne für [eine] einstündige Inszenierung von farbenfroher Weltoffenheit“ und gefährde „die Beziehungsarbeit zu unseren Nachbar*innen und stellt sie auf die Probe“.

Genau! Weiße, cis-männliche Schwule haben sich in Kreuzberg gefälligst nicht zu küssen, weil „unseren“ Nachbarn das nicht gefällt!

Das Kiss-in schließe insbesondere Schwule und Lesben aus anderen Kulturkreisen aus, die Diskriminierungserfahrungen gesammelt hätten:

Blödsinn! Es gibt keinen Ausschluss! Maneo hat niemals postuliert, dass an dem „Kiss In“ nur weiße Biodeutsche teilnehmen dürfen.

Das Konzept des Coming-outs sei etwas „sehr Weißes und Westliches“, so GLADT. „Als sei es die Krönung der Emanzipation, wenn alle wissen, wen Mensch liebt und begehrt.“

Genau! Coming Out ist etwas Weißes und etwas Westliches. Und überhaupt: Niemand muss wissen, dass man schwul ist! Schon gar nicht in Kreuzberg.

Mitglieder des Vereins fühlten sich aufgrund von Rassismus anders als die „weiße“ Bevölkerung. „Auf Grund dieser Erfahrungen sind Menschen mit Rassismuserfahrungen anders auf Familie und Community angewiesen als weiße Menschen“, so GLADT e.V. Die Maneo-Aktion sei ein „Ausblenden unserer Antidiskriminierungsarbeit in unseren Lebensräumen“.

Absurd, wie ein Verein, der vorgibt, sich gegen Rassismus zu engagieren, beständig von „Weißen“ spricht, und diese als klar abzugrenzende, monolithische Guppe definiert, die sich grundsätzlich von allen anderen Menschen unterscheidet.

Aber so ist das heutzutage: Rassismus und Sexismus sind böse, außer es geht gegen weiße Männer. Denn die sind der Ursprung des Bösen. Und überhaupt ist Homosexualität nur ein westliches kapitalistisches Konstrukt. So wie Sexualität und Geschlecht überhaupt nur Konstrukte sind. Und weil das so ist, dürfen sich demnächst nur noch farbige Transgender-Lesben zu irgendeinem Thema äußern. Und Kreuzberg wird zur kussfreien Zone für weiße Männer erklärt. Das ist Emanzipation! Das ist Freiheit!