Von Vorder- und Hinterladern

Ursula von der Leyen hat es sich zum Ziel gesetzt, die Bundeswehr attraktiver für Schwule und Lesben zu machen. Warum, erschließt sich mir nicht, da mir in meiner Armeezeit bereits die Aussicht attraktiv genug gewesen ist, mit Männern gemeinsam zu duschen und sich in vertrauter Intimität Zimmer und Panzer zu teilen.

Ja, liebe Leser, falls Ihr es noch nicht wusstet. Ich, schwul, war bei der Bundeswehr. Ganze neun Monate. Panzergrenadier, Panzerfaustschütze, Kürassier-Kaserne, Panzergrenadierbataillon 411, Viereck, Mecklenburg-Vorpommern („Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr“). Nun mag es für manche nicht überraschend sein, dass dort, wo sich Männer tummeln, statistisch gesehen, auch ein paar Schwule tummeln werden, da Schwule zu etwa 99,999 Prozent dem männlichen Geschlecht angehören.

Für den Blogger Danisch ist das aber offenbar eine Neuigkeit, und seine Äußerungen dazu sind gleich auf mehreren Ebenene genial putzig und verdienen es daher, ordentlich seziert zu werden.

Zunächst sei konstatiert, dass Danisch offenbar annimmt, dass erst durch die Pläne des Bundesverteidigungsminsteriums Schwule in die Armee einziehen werden:

Wenn ich mir das jetzt aber vorstelle, dass da homosexuelle Leute mit dabei sind, es da auf den Zimmern gar rundgeht, oder das sogar zum Rekrutierungsgrund wird, dann glaube ich nicht, dass da noch irgendwas ordentlich funktionieren kann. Das artet dann in Beziehungsstress und Anmache aus.

Ich wiederhole es gerne noch mal: Schwule waren schon immer mit dabei, vom antiken Griechenland bis hin zur modernen israelischen Armee. Sicherlich, sie waren nicht immer gerne gesehen, und ganz im Geiste der heterosexuellen Furcht vor Anmachen, oftmals aus den Armeen des Landes ausgeschlossen – zumindest offiziell, denn existent waren sie natürlich.

Diese Praxis hat sich mittlerweile geändert und die meisten westlichen Staaten haben ihr Streitkräfte für Schwule geöffnet. Einen guten Überblick über die aktuelle Situation von LGBT im Militär gibt dabei die englischsprachige Wikipedia

Sexual orientation and military service

nebst einer Karte welche die rechtliche Situation für LGBT und Frauen im Militär widerspiegelt:

lgbt-und-militaerlgbt-und-militaer-2

Noch witziger als Danischs Implikation, dass Schwule aus der Bundeswehr nun einen Sexclub machen, ist allerdings sein interessante Interpretation männlicher Heterosexualität:

Als ich Grundwehrdienst hatte (genau 30 Jahre her, Juli 1985 bis September 1986) und das noch ein reiner Männerverein voller Männer im hormonell wüstesten Saft war, beruhte das ganze noch auf gewissen Abwehrmechanismen. Man hatte grundsätzlich ein paar Pinups im Spind und in den Zimmern und auf der Wache lagen statt ordentlicher Zeitungen immer nur die übelsten Sexpostillen aus dem Mannschaftsheim.

Warum? Viele (vor allem Frauen) regen sich ja immer darüber auf, wenn in Werkstätten usw. solche PinUps rumhängen, aber eigentlich ist das nur ein wichtiges Sozialmittel. Zeigt nämlich allen, lass die Finger von mir, ich bin nicht schwul. Damit ist die Situation geklärt, die ganze Problematik aus der Welt geschafft und der Raum frei für die ganz normale sex-neutrale Kameradschaft, ohne die es da im Feld und Kampf einfach nicht geht.

Was lernen wir daraus? Heterosexuelle Männer hängen sich Poster nackter Frauen nicht etwa deshalb auf, weil sie auf Frauen und Titten stehen, sondern weil sie anderen Männern davon abhalten wollen, mit ihnen zu kopulieren. Das ist insbesondere dann einleuchtend, wenn man als Hetero ständig mit der Angst durchs Leben geht, dass dort draußen Massen von Schwulen lauern, die es gar nicht abwarten können, einen anzumachen, weil man selbst so unglaublich sexy ist, dass kein Homo widerstehen kann.

Danisch sei an dieser Stelle beruhigt: Wie der Artikel in der Wikipedia und die obige Karte zeigen, sind Schwule bereits seit einiger Zeit ganz offiziell in allen Ländern der zivilisierten Welt zum Militärdienst zugelassen. Der Schagkraft und Dominanz westlicher Armeen hat das bislang keinen Abbruch getan. Und auch von Sexorgien mit oder sexuellem Missbrauch an heterosexuellen Kameraden hört man recht selten (wobei man ersteres durchaus bedauern mag).

Und vermutlich wird es Heterosexuelle dann auch relativ schnell abstoßen. Ich glaube, das geht schief.

Danischs Ansichten mögen verständlich sein, legt man sein Alter zugrunde. Mittlerweile hat sich aber bereits einiges getan und es ist kaum anzunehmen, dass sich eine Mehrheit junger Männer davon abhalten lässt, zum Militär zu gehen, weil dort auch Schwule ganz offiziell Ihr Dasein fristen dürfen. Das war bereits zu meiner Zeit (Jahre 2001/2002) nicht  mehr so. Wir haben uns auf unsere Stube sogar ein Poster mit nem nackten Typen an die Zimmertür gehängt. Einfach so.

Akzoleranz – oder so

Der „pelzblog“ hat mir in seiner Antwort auf meine Frage bestätigt, dass er Homosexuelle nicht akzeptieren könne. Das hat mich nicht sonderlich überrascht. Überrascht hat mich dann allerdings doch, dass „pelz“ offenbar eine sehr eigentümliche Definiton des Begriffes „Akzeptanz“ pflegt, die möglicherweise ursächlich verantwortlich für unseren Disput ist.

Zunächst zitiert „pelz“ die Wikipedia

Akzeptanz (von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen, billigen) ist eine Substantivierung des Verbes akzeptieren, welches verstanden wird als annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein.

Es wird deutlich, dass Akzeptanz auf Freiwilligkeit beruht. Darüber hinaus besteht eine aktive Komponente, im Gegensatz zur passiven, durch das Wort Toleranz beschriebenen Duldung. Akzeptanz drückt ein zustimmendes Werturteil aus und bildet demnach den Gegensatz zur Ablehnung (Aversion).

Daraus schließt „pelz“ messerscharf:

Homosexualität zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes als homosexuell zu werden. Wenn jetzt Homosexuelle Heterosexualität akzeptieren, ist das dann wohl ein neues Spiel: Der heitere Sexualitätentausch!

Eine meisterhafte argumentative Vernichtung meinerseits. Denn gebraucht man das Wort „Akzeptanz“ tatsächlich in diesem Sinne, wäre es in der Tat unsinnig, sich Akzeptanz für Homosexualität zu wünschen, da dies eine implizite Bitte an Heteros um Änderung ihrer sexuellen Orientierung implizieren würde.

Das Problem ist allerdings, dass niemand im öffentlichen Diskurs den Begriff „Akzeptanz“ in diesem Sinne verwendet. Denn wenn man dies täte, könnte man in letzter Konsequenz nur das akzeptieren, was man selbst entweder selbst tut oder selbst ist.

Stellen wir uns das anhand einiger anderer Beispiele vor:

  • Als Weißer kann ich Schwarze lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Schwarze zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst schwarz zu sein.
  • Als jemand der Käse nicht mag, kann ich Menschen, die Käse gerne essen, lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Menschen, die Käse gerne essen, zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst zum begeisterten Käseesser zu werden.
  • Als Mann kann ich Weiblichkeit und/oder Frauen lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Weiblichkeit und/oder Frauen zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst weiblich zu werden bzw. Frau zu sein.
  • Als Kinderloser kann ich die Tatsache, dass meine Schwester Kinder hat, lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn ihre Eigenschaft als Elternteil zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst Vater zu werden.

Ich bin sicher, man findet noch tausende weitere Beispiele, welche die Absurdität dieser Definition mehr als ausreichend verdeutlichen (Beispiele dürfen gerne in den Kommentaren dargelegt werden).

„pelz“ widemet sich nun dem Begriff der Toleranz, wiederum aus der Wikipedia

Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht.

und fragt darauf aufbauend:

Warum also werden Homosexuelle aggressiv, wenn man ihnen Toleranz aber keine Akzeptanz gewährt?

Hier könnte man z. B. schlussfolgern, dass die extreme Ablehnung einer gegenteiligen Sexualität auf homosexueller Seite viel ausgeprägter ist als auf heterosexueller Seite. Die Personen, die als Homosexuelle andere – Normalsexuelle – ständig mit Vokabeln wie „homophob“ usw. beschimpfen müssen, erwecken in mir den Verdacht der Heterophobie allein aufgrund ihrer Aggressivität.

Zunächst einmal bezeichnen die meisten Homosexuellen die Normalsexuellen nur dann als homophob, wenn es Gründe gibt anzunehmen, dass hinter ihren Ansichten und Taten Homophobie steckt, wenn die Normalsexuellen also erkennen lassen, dass sie nicht bereit sind, Homosexuellen so zu behandeln, wie sie Normalsexuelle behandeln bzw. als Normalsexuelle selbst behandelt werden möchten.

Anschließend komme ich zu der großen Ehre, im „pelzblog“ zitiert zu werden:

In einem Blogbeitrag des Schwulemikers Adrian sind die folgenden Worte zu lesen:

„So wie ich jeden Tag Euch Heteros sehen muss. Eure Händchenhalterei. Eure Küsserei. Eure Beziehungen. Eure Konflikte. Tag für Tag. Auf der Straße, bei der Arbeit, in den Medien. Kein Entrinnen, kein Entkommen – Heterosexualität allerorten. Immer! Überall!

Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung. Denn ich respektiere Euch Heteros. Akzeptiere Euch. Euer Leben. Eure Liebe. Eure Menschlichkeit.“

Es folgt die bereist bekannte messerscharfe Analyse, in diesem Fall meiner Psyche:

Anhand dieser Worte werden mehrere Dinge deutlich:

Er hat sehr wohl eine tief innewohnende Ablehnung gegenüber der Heterosexualität. Worte, die auf -erei enden, werden durch diese Wortendung grundsätzlich negativiert oder sind von Anfang an negativ belegt: Herumzickerei, Spinnerei, Faulenzerei usw. Dieses sprachliche Konstrukt negativiert Wörter.

Kein Entrinnen, kein Entkommen – Heterosexualität allerorten. Immer! Überall!

Stellt für mich die Beschreibung von etwas Bedrohlichem dar: Man will normalerweise etwas entkommen, das man als Bedrohung ansieht. So heilig, wie er tut, ist es um seine Wahrnehmung der Heterosexualität also nicht bestellt. Es wirkt eher wie gelebter Verfolgungswahn, da er es sogar in Worte fasst.

Man erinnere sich an den Kontext dieses Zitats, welches im Zusammenhang einer Äußerung von „pelz“ gefallen ist, der sich von Werbeplakaten zum Stuttgarter CSD belästigt fühlte:

Ich weiß, es ist gemein und bösartig von mir. Ich belästige aber niemanden mit solcher Werbung. Man will nicht alles sehen.
Bald müssen wir aber alles sehen.
Die Bildungspläne werden schon dafür sorgen.

Meine Antwort darauf war demnach eine polemische Reaktion, in der Hoffnung, „pelz“ darzulegen, dass wenn er sich schon von Plakten mit Homos belästigt fühlt, ich mich doch erst Recht von der allgegenwärtigen Normalsexualität belästigt fühlen könne. Was ich, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, anschließend aber verneint habe:

Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung. Denn ich respektiere Euch Heteros. Akzeptiere Euch. Euer Leben. Eure Liebe. Eure Menschlichkeit.

Was „pelz“ aber nicht gelten lässt:

Daher steht die Aussage „Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung.“ im diametralen Gegensatz zu seiner vorherigen Auslassung über die Küsserei und der Wahrnehmung, er müsse der Heterosexualität entkommen. Ich glaube allerdings tatsächlich, dass die erste Aussage seine Meinung eher trifft, als die politisch korrekte Aussage am Ende. Er hat sich schon zuvor über „heterosexuelle Belästigung“ in Kommentaren geäußert.

Ich habe allerdings gezeigt, dass er Heterosexualität gar nicht akzeptieren kann, weil es eben nicht seiner Sexualität entspricht.

Und ich habe oben dargelegt, dass eine derartige Auslegung des Begriffs „Akzeptanz“ absurd ist, und auch nirgendwo im gesellschaftlichen Diskurs so verwendet wird.

Nun stellt sich aber eine weitere Frage: Ist Homosexualität angeboren oder  nicht? Ist sie es nicht, könnte er problemlos akzeptieren. Er wird allerdings keinen Bedarf darin sehen, da er sich mit seiner Sexualität wohlfühlt. Genau so ergeht es mir auch. Daher müssen wir beide die Sexualität des anderen nicht akzeptieren, wir sollten sie tolerieren.

Es tut mir leid, „pelzblog“ kann sich auf den Kopf stellen, ich werde die Normalsexualität auch weiterhin akzeptieren. Selbst gemäß seiner Definition. denn ich hätte – jenseits meiner polemischen, zuweilen zynischen, zumeist aber scherzhaften Sticheleien – keinerlei ethischen oder moralischen Bedenken, Normalsexualität für mich selbst anzunehmen. Ich sehe bloß keinen Grund dazu, eben weil ich mich mit meiner Homsoexualität wohlfühle –

und Männer einfach zu wunderbar sind, um auf sie zu verzichten.

P1131

Zwischen Rewe und Spittelmarkt – Geschichten einer (vielleicht) schwulen Stadt

Ich habe bislang immer abgestritten, dass es so etwas wie ein “Gaydar“, also das Vermögen, Schwule anhand von äußeren Merkmalen bzw. Verhaltensweisen zu erkennen, überhaupt gibt. Sicher, hat man nach wenigen Minuten die Zunge eines Mannes im Ohr, den man gerade erst kennen gelernt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser schwul ist, recht hoch. Aber ansonsten?

Die Behauptung, man würde Schwule auf der Straße erkennen, beruht ja im Wesentlichen auf Klischees, die es eben über Schwule gibt. Wenn man also auf der Straße von einem jungen Mann überholt wird, der sich auf Grund der beengten Platzverhältnisse, auf der mit Touristen überfüllten “Linden“, an einem vorbeizwängen muss, dies mit einem höflichen “Verzeihung, darf  ich mal” garniert, und es überdies auch noch versteht, beim Gehen verführerisch seine Pobacken von einer zur anderen Seite schwingen zu lassen – dann denkt man: “Ja, der ist schwul.” – und fühlt sich gut, nicht nur weil man weiß, dass man nicht alleine auf der Welt ist, sondern weil man auch ein wenig Körperkontakt abgekommen hat, ein Phänomen, rar geworden in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Und dann steht man an der Kasse bei Rewe, vor sich einen Kassierer mit Migrationshintergrund, der ein wenig gestylt ist wie Bushido, vom Körperumfang aber ein wenig kompakter, aber dennoch so aussehend, dass man – obwohl man versucht, sich ob seiner Vorurteile zu schämen – sofort an “Ey Alter, was guckst Du?” denken muss, im Gegenteil einem aber ein “Zauberhaftes Wochenende” gewünscht wird – dann denkt man: “Ja, noch eine Schwester.” – und fühlt sich gut, nicht nur weil man weiß, dass man nicht alleine auf der Welt ist, sondern weil man auch ein wenig höfliche Konversation gepflegt hat, ein Phänomen, rar geworden in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Und dann sitzt man in der U-Bahn Richtung Alex, es ist spät, man ist ein bisschen angetrunken, lässt sich durchrütteln, hört dem Quietschen der Räder zu und wartet auf die nächste automatische Ansage, deren Inhalt man schon auswendig kennt – “Ding-Dong … Spittelmarkt … Übergang zum Metrobus” -, und dann fährt man in den Bahnhof ein, die Türen öffnen sich, und eine junge Frau kommt herein, blond, sexy, mit voluminösen Busen, und es ist einem völlig gleichgültig, weil hinter ihr nämlich ein junger Mann einsteigt, so frisch wie der junge Morgen und so süß wie Schokolade, und der setzt sich einem gegenüber, legt seinen Rucksack auf die Knie, und lässt sich ebenfalls durchrütteln und hört dem Quietschen der Räder zu – “Ding-Dong … Märkisches Museum – und man denkt: “Nee, der sieht zu gut aus, der ist bestimmt nicht schwul, aber dennoch, den würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen”, und man zieht ihn in Gedanken langsam aus – geistige Hemmungen gibt es keine, man ist schließlich angetrunken – und – “Ding-Dong … Klosterstraße – oh Gott, gleich ist man am Alex, und da muss man aussteigen, und dann sieht man ihn nie wieder, aber egal, der ist ja eh nicht schwul, in dieser dummen Stadt sehen doch nur die Heten gut aus, doch auf einmal lächelt der einen an, so wie eben nur Schwule lächeln, und man ist völlig verwirrt, zieht ihn im Geiste schnell wieder an, grinst ein wenig verlegen zurück, und denkt: “Was soll das denn?”, in Berlin wird man nicht angelächelt, das ist ja wohl ein Eingriff in die Privatsphäre, und außerdem leben wir in einer individualisierten, atomisierten Welt der sozialen Kälte, da gehört sich anlächeln einfach nicht, und überhaupt – “Ding-Dong” … Alexanderplatz … Übergang zum Regionalverkehr, zur S-Bahn, zur U5 und U8, zur Metrotram, zum Metrobus und Busverbindung zum Flughafen Tegel” – dröhnt einem die dumme U-Bahn-Ansage ins Ohr, so dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann – “Change here for Bus Service to Tegel Airport” – und die Bremsen kreischen und alle springen auf, weil jeder am Alex aussteigen will, und man selbst springt auch auf, grinst noch ein wenig dümmer, und schon ist man draußen … und wieder alleine, gefangen in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt, gestrandet auf einem seelenlosen Bahnhof, zusammen mit anderen alkoholisierten Heimkehrern dieser ewig jungen Partystadt.

Und schlussendlich bleibt einem nichts anderes übrig, als ins Internet zu gehen um Pornos zu gucken, Chancen verpasst, selber schuld, aber mit den Jungs im Netz ist es ja auch alles viel einfacher – typisch in unserer Zeit der Individualisierung, Atomisierung und sozialen Kälte überhaupt.

Doch vielleicht irrt man sich ja auch. Vielleicht war ja keiner der Männer schwul, nicht mal der Süße in der U-Bahn. Denn immerhin gibt es schließlich auch das Phänomen der metrosexuellen Heterosexualität  – ein Phänomen übrigens, dass verboten werden müsste, weil es nur zur Verwirrung beiträgt und die Funktion des Gaydar empfindlich beeinträchtigt -, und man selbst wird ja auch nicht für schwul gehalten. Niemals! Nur von Schwulen, die wissen, wie das geht. Und die mit einem bereits im Bett waren.