Vom Grünen der auszog, den Heten ihre Sünden zu predigen

Für Schwule, Lesben und Bisexuelle wird die Welt immer besser. Was aber für die meisten von uns Homos ein Grund zur Freude ist, stellt für eine Minderheit ein Gräuel dar. Denn mit steigender Akzeptanz der Homosexualität in der westlichen Welt, ergeben sich inbesondere für linkspolitische Berufshomos zwei spezifische Problemlagen.

Erstens verliert das den Homos zugewiesene revolutionäre Potential zum Umsturz der westlichen, liberal-kapitalistischen Ordnung an Zugkraft. Denn welchen Grund sollte es für Homos geben, die westliche Systeme zu stürzen, wenn es sich hier am Besten lebt?

Das zweite Problem ist pragmatischer aber nicht weniger relevant: Wie soll Homopolitik gerechtfertigt werden, wenn Homos immer weniger diskriminiert werden? Die Entpolitisierung von Schwulen und Lesben, die im Wesentlichen positiv ist, weil sie ein Ausdruck von Akzeptanz und Assimilation in die hiesige Gesellschaft darstellt, kann Berufshomos nicht zufriedenstellen, ja muss sie beunruhigen, weil dadurch die Rechtfertigung für Homopolitik verloren geht.

Die Gegenstrategie für diese Dilemma sieht denkbar simpel aus: Die Definition von Diskriminierung und Repression wird ins Absurde gesteigert und an die Gesellschaft werden unerfüllbare Anforderungen gestellt. Es soll ein Zustand herbeigeredete werden, der nicht zu verändern ist, mit dem Ziel, die permanente Repression und Unterdrückung auszurufen, an die man sich bis in alle Ewigkeit mästen kann.

Ein Beispiel für diese Strategie liefert Fabian Goldmann für die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung:

Heterosexuelle sind homophob. Heterosexualität wird nicht von irgendeinem Gen an- und ausgeschaltet. Es ist ein kulturelles Konzept, das erst durch die Abwertung gleichgeschlechtlicher Liebe, Sex und Zuneigung entstanden ist. Ein feministischer Zwischenruf.

Dass Goldmann hier als Feminist angekündigt wird, ist kein Zufall. Denn die gesellschaftliche Analyse großer Teil  des Feminismus weist mit der  links-queeren Weltsicht einige Schnittmengen auf: Als Feindbild gilt für beide das liberal-kapitalistische westliche System, von weißen Männern erfunden und aufrechterhalten, um Frauen und Minderheiten zu unterdrücken.

In letzter Zeit hätte man die Welt für Homosexuellen-freundlich halten können. Politiker_innen setzen sich öffentlich für die Homo-Ehe ein. Regenbogen-Fahnen prangen von Facebook-Profilbildern und der Eiffel-Turm erstrahlt in ihnen. Auf den Straßen demonstrieren Tausende für mehr LGBTQI-Rechte. Und ständig versichert irgendein Kumpel, „selbstverständlich kein Problem mit Schwulen“ zu haben. Nur der Nachsatz, der dann meist folgt, zerstört dann doch ebenso selbstverständlich die Illusion einer schwulenfreundlichen Wert: „Ich bin aber Hetero.“

Wenn aber der Ausweis einer Heterosexualität das Gegenteil einer schwulenfreundlichen Welt ist, dann hätten wir genau den Zustand wie oben beschrieben: Die permanente, nie endende Schwulenfeindlichkeit, und damit eine kontinuierliche Rechtfertigung für die nie endende Revolution.

Heterosexuelle sind homophob. Nein, nicht nur jene 25 Prozent, die laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage Homosexualität für „unmoralisch“ halten. Auch nicht nur die 40 Prozent, die es „ekelhaft“ finden, wenn sich Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit küssen. Nein, alle Heteros sind homophob. Alle! Und das nicht nur, weil sie in einer homophoben Gesellschaft aufwachsen. Heteros sind homophob, weil sie Heteros sind. Oder besser: Weil sie zu Heteros gemacht wurden.

Heterosexualität ist demnach keine sexuelle Orientierung, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion; erfunden, um Homosexuelle zu unterdrücken.

„Ich steh nun mal nur auf Frauen“, würde mein Kumpel jetzt erwidern. Daran ist nichts verkehrt. Die Frage ist nur: Warum tut er das? Ginge es nicht auch anders? Natürlich ginge es anders. Heterosexualität wird nicht von irgendeinem Gen an- und ausgeschaltet. Es ist ein kulturelles Konzept, das erst durch die Abwertung gleichgeschlechtlicher Liebe, Sex und Zuneigung entstanden ist.

Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Goldmann besitzt die Fähigkeit nicht. Denn wenn er sie besitzen würde, wäre ihm beim Niederschreibn seiner Zeilen folgender Dialog in die Sinn gekommen:

Schwuler: „Ich steh nun mal nur auf Männer“

Hetero: „Aber warum tust Du das? Ginge es nicht auch anders? Natürlich ginge es anders. Homosexualität wird nicht von irgendeinem Gen an- und ausgeschaltet. Es ist ein kulturelles Konzept, das erst durch die Abwertung gegengeschlechtlicher Liebe, Sex und Zuneigung entstanden ist.“

Rein logisch, kann es für Goldmanns These nur zwei Ausgangszustände geben. Entweder ist die Homosexualität das normale Sexualempfinden aller Menschen, oder jeder Mensch ist bei Geburt bisexuell. In beiden Fällen wären es alleine kulturelle und gesellschaftliche Faktoren, welche den Großteil der Menschen eine überwiegend bis ausschließlich heterosexuellen Lebensweise aufzwingen.

Doch welche Belege hat Goldmann für diese steile These?

Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte: Wann die Idee von einer „heterosexuellen“ Normalität in die Welt kam, ist schwer zu sagen.

Dabei ist die Antwort auf diese Frage so schwer nicht: Heterosexualität als Normalzustand entstand vor etwa 600 Millionen Jahren im Proterozoikum im Zuge der evolutionären Entwicklung der Sexualität. Da der Mensch ein sich sexuell fortpflanzendes Lebewesen dieses Planeten darstellt, liegt die Vermutung nahe, dass sein Normalzustand die Heterosexualität ist, da es andernfalls unnötig kompliziert wäre, sich fortzupflanzen. Das Schöne an dieser Hypothese ist überdies, dass sie sich wissenschaftlich und durch die Realität belegen lässt.

In Europa begann die katholische Kirche im 13. Jahrhundert massiv ihre Vorstellung von einer gottgewollten Sexualmoral zu propagieren. Diese orientierte sich damals zwar noch eher an den Praktiken (anal=schlecht, vaginal=gut), aber die Idee von einer „natürlichen“ und „widernatürlichen“ Sexualität war geboren. Sich neben der Ehefrau noch einen Liebhaber gönnen? Das endete im mittelalterlichen Europa oft mit dem Scheiterhaufen.

Hier übersieht Goldmann dreierlei: Erstens die Tatsache, dass nicht nur Homosexualität, sondern auch Heterosexualität außerhalb der monogamen Ehe von der Katholischen Kirche als sündhaft angesehen wurde (und wird); dass es also weniger um die Abwertung der Homosexualität an und für sich ging, sondern eher um die Aufrechterhaltung des katholische Dogmas von  der Sexualität zum alleinigen Zwecke der Fortpflanzung innerhalb einer stabile Ehe.

Daraus ergibt sich zweitens, dass innerhalb dieser katholischen Sichtweise Homosexualität zwangsläufig als widernatürlich angesehen werden muss, weil sie eben nicht der Fortpflanzung dienen kann.

Drittens ist auffällig, dass Goldmann nicht auf die Idee kommt, dass Homosexuelle deshalb verfogt wurden, weil sie die Abweichler von der Norm darstellten und eben nicht die Norm.

600 Jahre später waren es Psychiater, die im 19. Jahrhunderts aus der religiös legitimierten Zweiteilung der Sexualität eine medizinische machten. „Heterosexualität“ wurde zum Symptom einer gesunden Lebensweise, jede Abweichung zur Krankheit erklärt. Die psychiatrische Zwangseinweisung ersetzte die Verfolgung von Sodomiten, die medizinische Behandlung die Teufelsaustreibung. Aus der Ablehnung sexueller Praktiken wurde die Ablehnung einer „kranken“ sexuellen Identität. „Normal“ war nur der, der sich zur „gesunden“ Form von Liebe und Sex bekannte: der Heterosexuelle.

Aber auch hier lässt sich fragen, was wäre die einleuchtendere, sparsamere Erklärung? Dass alle Menschen homo- oder bisexuell sind und ihre Sexualität im Auftrag eines gesellschaftlichen Konstrukts unterdrücken und diejenigen verfolgen, die sich offensichtlich nicht an diese Spielregeln halten? Oder dass Homosexuelle die Abweichung sind, und es der Mehrheit der Heterosexuellen daher leicht fällt, die Minderheit der Homosexuellen zu pathologisieren?

Es war und ist das Verdienst der Lesben- und Schwulen-Bewegung diese Zuschreibungen verändert zu haben. Aus „pervers“ machten sie „anders“, aus „unnatürlich“ „gleichberechtigt“. Doch die Zweiteilung aufheben, konnten auch sie nicht.

Natürlich konnten sie die Zweiteilung nicht aufheben, weil das Bekenntnis zur Homosexualität diese Zweiteilung ja ebenfalls reproduziert: Hier wir Homos, dort Ihr Heteros.

Dass diese Zweiteilung eine kulturelle und soziale und keine biologische ist, zeigt auch der Blick auf Zeiten und Orte, in der sie keinen Bestand hatte: Über 1.000 Jahre lang überlieferten Dichter von Andalusien bis Persien eine homoerotische und homosexuelle Selbstverständlichkeit, die Europa völlig fremd ist und war. Von China bis Äthiopien konnten Männer bis ins 19. Jahrhundert andere Männer lieben, ohne von einer gesellschaftlichen Norm abzuweichen. Dass es weit mehr von ihnen als im heutigen Europa auch taten, lag nicht daran, dass in China mehr Schwule geboren werden. Es liegt daran, dass es die Stigmatisierung von Sexualpraktiken, die Idee einer heterosexuellen Normalität, die Vorstellung man könne nur das eine oder das andere sein, lange Zeit nicht gab.

Doch das beweist nicht mehr, als das andere Kulturen Wege gefunden haben, mit Abweichungen anders umzugehen. Aber Linkshänder als Menschen zu behandeln, belegt nicht, dass Linkshänder die Norm sind. 

„Männer lassen sich nicht in zwei voneinander getrennte Populationen teilen: heterosexuell und homosexuell. Nur der menschliche Verstand erfindet Kategorien…. Die echte Welt ist ein Kontinuum“, schrieb Alfred Charles Kinsey 1948. Seine Thesen lösten nicht nur in den 60er Jahren die sexuelle Revolution mit aus, sie wurden später auch von Neurobiologen bestätigt: Es gibt keinen hetero/homo-Schalter im Kopf.

Die Realität belegt aber weiterhin das Gegenteil: Dass sich nämlich die überwältigende Mehrheit der Männer sexell zu Frauen hingezogen fühlt. 

Dies dürften auch die meisten „Heter“o-Männer schon einmal gemerkt haben. Dann zum Beispiel, wenn sie im Suff ihren pubertierenden Kumpels gestanden, doch manchmal homoerotische Fantasien zu pflegen. Trotz Homo-Ehe und Regenbogenfahnen-Inflation: Der Anteil jener Männer, die diesen Fantasien auch nachgehen, ist historisch gering ist: Noch in den 70ern machte in Deutschland jeder fünfte männliche Pubertierende gleichgeschlechtliche Erfahrungen. Heute ist es nur noch jeder zwanzigste.

Und würde diese Erkenntis nicht belegen, dass Heterosexuelität der Normalzustand für die meisten Männer ist? Dass sie nämlich umso heterosexueller agieren, je leichter der Zugang zu Frauen ist?

Dies liegt nicht daran, dass heute mehr Heteros geboren werden, sondern daran, dass Heterosexualität heute den Charakter einer Bekenntnisreligion mit Ausschließlichkeitsanspruch angenommen hat. Das Bekenntnis „Hetereo“ spiegelt nicht die eigene sexuelle Identität wider. Stattdessen generiert sich die eigene sexuelle Identität zum großen Teil aus einem gesellschaftlichen Zwang zum Bekenntnis. Heterosexualität bedeutet, sich selbst zu vergewissern, nicht „pervers“, „krank“, „anders“, oder einfach nur „so“ zu sein. Sie ist die Eintrittskarte in den Club der Normalen. Und diese kann einem mit nur einem falschen Kuss, einer zu innigen Umarmung, einer Nacht jederzeit abgenommen werden.

Doch warum sollte das zwanghafte Bekenntnis zur Heterosexualität in einer Welt zunehmen, die Homosexualität immer mehr akzeptiert und in der Homosexuelle eben nicht mehr als „pervers“, „krank“, oder im schlechten Sinne „anders“ ansieht?

Die sparsamste Erklärung ist wiederum denkbar simpel und besteht aus zwei Teilen: Die Mehrheit der Männer ist heterosexuell, und sie bekennen sich zur Heterosexualität, weil es Homosexuelle gibt, und ein heterosexueller Mann keinen Vorteil davon hat, sich zur Homosexualität zu bekennen, wenn er es nicht ist. Genau so wenig, wie ein Homosexueller einen Vorteil davon hätte, sich zur Heterosexualität zu bekennen, wenn er es nicht ist.

Oder anders gesagt: Eben weil in unserer Zeit  heterosexuelle Männer immer häufiger mit Homosexuellen soziale Kontakte pflegen, ergibt sich das implizite oder explizite „Bekenntis“ zur Heterosexualität gleichsam von selbst. Denn was würde im Zuge der sozialen Dynamik geschehen, wenn sich Heteros und Homos nicht ihrer eigenen Sexualität versichern? Es würde sinnlose Avancen und sexuelle Enttäuschungen geben. Und da Männer  sparsam und effezient sind, lässt sich dem durch ein Bekenntis zur eigenen Sexualität leicht vorbeugen. Jeder weiß dann, woran er mit dem anderen ist.

Wie der Umgang mit dem gleichen Geschlecht zumindest etwas besser gelingen kann, kann der „heterosexuelle“ Mann übrigens von jenen Menschen lernen, zu denen er sich vermeintlich ausschließlich hingezogen fühlt: Frauen. Mit Absicht handelt dieser Text weder von Lesben noch von heterosexuellen Frauen. Denn auch wenn der gesellschaftliche Zwang zum Bekenntnis auch auf Frauen lastet: Frauen, die sich als Hetero bekennen, gehen oft unverkrampfter mit dem eigenen Geschlecht um, können sich umarmen, küssen, in einem Bett schlafen und zumindest während der Pubertät mit der besten Freundin knutschen, ohne sozial geächtet zu werden. Der Grund: Wie so vieles in patriarchalischen Gesellschaften wurde auch das Konzept der Hetereoesexualität um Männer herum konstruiert.

Oder es liegt einfach daran, dass sich  männliche und weibliche Sexualität und Intimität voneinander unterscheiden und Männer kein intrinsisches Interesse daran haben, miteinander zu knutschen, zu kuscheln, zu kichern, zu tratschen und sich gegenseitig die Haare schön zu machen. Ich kann verstehen, dass heterosexuelle Männer das nicht mit anderen Männern tun, weil ich als Schwuler auch kein Interesse daran habe, dies mit Frauen zu tun. Ich möchte keine „weiblichen“ Intimitäten mit Frauen pflegen. Warum sollten Hetero-Männer das mit anderen Männern tun? Warum sollten Frauen der Maßstab für das sein, was sich für Männer ziemt?

Noch bessere Rolemodel findet der Hetero-Mann allerdings dort, wo die meisten schon an der Türschwelle in Identitätskonflikte gestürzt werden: im nächsten Gay-Club. Denn Homosexualität ist in der Praxis nicht nur das Gegenstück zu Heterosexualität, Es ist dessen Aufhebung. Kaum ein Homosexueller dürfte ein schlechtes Gewissen wegen eines hetero-erotischen Traums haben. Kaum ein Schwuler dürfte auf die Idee kommen, sich vor seinen Eltern als „straight“ zu outen, weil er auf der letzten Party mit einer Frau rumgeschnutscht hat. Und kaum jemand, der „einfach mehr Lust auf Männer hat“ muss dies seinen „heterosexuellen“ Kumpels und sich selbst ständig versichern. Das soll nicht heißen, dass Mann schwul sein muss, um seiner Homophobie zu entkommen. Es reicht, sich von der Idee zu verabschieden, ein Hetero zu sein.

Goldmann hat Unrecht. Auch ich hatte bereits erotische Träume mit Frauen und ich hatte sehr wohl ein schlechtes Gewissen danach. Nicht weil ich Heterosexualität als schlecht oder minderwertig betrachte, sondern weil Homosexualität eben Teil meiner Identität ist und ein potentielles Abweichen von dieser Identität ein Eindringen in unbekannte, fremde Territorien bedeutet.

Ich habe am Anfnag dieses Beitrages die These fomuliert, der Zweck Goldmann sei es, die permanente Revolution führen zu wollen. Und auch wenn diese implizite  Zielführung viele Linken eigen ist, möchte ich abschließend eine alternative bzw. zusätzliche These in den Raum werfen. Nämlich die, das Goldmann einfach nur ein empathieloser, egozentrischer Narzisst ist.

Empathielos deshalb, weil er von Hetero die Aufgabe ihrer sexuellen Identität verlangt, etwas das, würde es Richung Homos gehen, zurecht als Homophobie bezeichnet werden würde.

Egozentrisch deshalb, weil er dies von Heteros verlangt, nur damit er sich nicht mehr als Minderheit fühlen muss.

Narzisstisch deshalb, weil er eine Gesellschaft anstrebt, in der Schwule nicht einfach mit Heteros in einer Gesellschaft zusammenleben, sondern in der sich Heteros seinen Maßstäben unterwerfen müssen, um nicht als schlechte Menschen zu gelten.

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