Liebe Muslime, ich muss Euch mal was sagen

Liebe Muslime,

mich juckt es bereits seit längerer Zeit in den Fingern, Euch etwas mitzuteilen, was mir im Grunde genommen seit dem 11.  September 2001 auf der Seele brennt, als sich Eure Religion zum ersten mal mit voller Wucht in das Bewusstsein der westlichen Welt gebrannt hat.

Vor dem 11. September habe ich Euch nicht allzu ernst genommen, Ihr wart zu diesem Zeitpunkt nichts weiter als einer von vielen Religionsanhängern auf dieser Welt, verteilt hauptsächlich in Ländern und Gesellschaften, die es mit Menschenrechten, Demokratie und Wohlstand nicht allzu ernst nehmen. Weit weg, unbedeutend, Dritte Welt halt.

Selbstverständlich habe ich Euch diese Defizite nicht übel genommen, denn was soll schon aus Gesellschaften werden, deren Bewohner fünf Mal am Tag zu einem unsichtbaren Zauberer beten, auf dass der ihnen ihre menschlichen Taten vergibt und es möglichst gut mit ihnen meint? Wer derlei Bräuche pflegt, sollte sich nicht wundern, wenn Bildung und Wissenschaft vernachlässigt werden und die Gesellschaft alsdann im Sumpf von Degeneration und Stumpfsinn vor sich hin wabert.

Doch, wie gesagt, ich nehme Euch das nicht übel, denn Euren Glauben an den großen unsichtbaren Zauberer im Himmel, habt Ihr von Euren Eltern so wie die es von deren Eltern haben, die es widerum von deren Eltern haben, bis wir irgendwann bei Mohammed angelangt sind, der eines Tages in der Wüste Besuch von einem Engel bekommen hat, weil Allah, aus irgendwelchen Gründen der Meinung gewesen ist, dass zwei von ihm offenbarte Glaubenslehren noch nicht ausreichend sind und die Menschheit unbedingt noch ein drittes Mal hören müsse, wie spitze Allah doch ist und was er von uns Menschen so alles erwartet.

Es ist also eine Sache in Ländern aufzuwachsen, wo man die Lehren des Islam gleichsam mit der Muttermilch aufsaugt, zumal man dort, wo viele Muslime auf einem Haufen wohnen, ja nicht mal eben so dieser Religion abschwören darf, weil Allah das nicht gerne sieht und dessen Anhänger sich dann verpflichtet fühlen, dem Islam Abtrünnigen mittels Schwert oder Strick klar zu machen, dass man den Islam nur über die eigene Leiche verlassen darf. Wer kann Euch also übel nehmen, wenn Ihr in den Ländern des Nahen Ostens und Südostasiens zum Islam bekennt?

Nun aber seid Ihr hier in der westlichen Welt, in Europa, einem Kontinent geprägt und geplagt von Jahrhunderten religiöser Konflikte und weltanschaulicher Kriege. Wir Europäer haben uns nach den Erfahrungen von Tod Leid und Bergen von Leichen Gesellschaften aufgebaut, die zu den Besten gehören, was der Planet Erde zu bieten hat. Wir haben dies erreicht, indem wir Weltanschauungen hinterfragt, uns Wissen angeeignet und religiöse Dogmen konsequent gezähmt haben. Es gab auf diesem Weg viele Irrwege und Umwege, Tod und Verderben. Aber nun stehen wir heute auf dem Gipfel menschlichen Fortschritts und des Humanismus, ein Leuchtfeuer des Wohlstands und der Menschlichkeit.

Ja, Ihr möget bei diesen Sätzen die Augen verdrehen, doch tief in Eurem Inneren wisst Ihr, dass ich recht habe. Denn obwohl Ihr Euch stolz als Muslime bezeichnet, wandert Ihr nicht etwa in die Vereinigte Arabische Emirate oder Saudi-Arabien, ja nicht mal nach Indonesien oder die Türkei aus. Euch zieht es nicht etwa in Länder, wo man Euren geliebten Glauben rein und unverfälscht lebt, nein, Ihr kommt in die Länder der Ungläubigen und der Kreuzritter, in die Länder des seelenlosen Materialismus, des Alkohol, des Schweinefleisch der Pornographie und der hemmungslos gelebten Sexualität. Und selbstverständlich verstehe ich, dass Ihr hier herkommt. Hier gibt es Wohlstand, Freiheit, Bier, Schinken und Sex, ohne dass man sich vor Allah rechtfertigen muss oder die Polizei vor der Tür steht, weil man versehentlich sein Kopftuch nicht richtig aufgesetzt hat. Wer würde nicht lieber hier leben wollen?

Was ich nun überhaupt nicht verstehe ist, wenn Ihr Euch im Goldenen Westen immer noch stolz als Muslime bezeichnet, warum Ihr nicht mal hier, wenn Ihr die Möglichkeit dazu hättet, darauf verzichtet, diese einengende Identität abzuschütteln oder wenigstes zu versuchen, diese zu relativieren.

Aber auch damit könnte ich leben, wenn Ihr nicht beständig von mir verlangen würdet Eure Weltanschauung zu respektieren. Entschuldigt bitte, wir leben hier im Westen und ich muss gar nichts respektieren. Ich muss Dinge, die mir nicht gefallen, tolerieren, aber das war es dann auch schon.  Als schwuler Atheist wäre ich in keiner islamischen Gesellschaft meiner Freiheit oder meines Lebens sicher. Islamische Gesellschaften kommen nirgends auch nur annähernd dem Ideal einer freien Gesellschaft nahe. Islamische Gesellschaften sind intolerant gegenüber Ungläubigen, anderen Religionen, Schweinefleisch, Alkohol, Pornografie, Musik, Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur, letzendlich gegen alles, was das Leben lebenswert macht. Und begründet wird das mit einem mittelalterlichen Buch, inspiriert von den Einfällen eines unsichtbaren Zampanos, der angeblich die Welt erschaffen hat und der jetzt meint, er müsst seiner Schöpfung Vorschriften machen, wie diese zu leben haben.

So einen Humbug, so einen Aberwitz respektiere ich nicht. Ich respektiere Euren Glauben nicht, und es ist mir egal, wenn Ihr mich deshalb als islamophob oder – hier kulminiert der Blödsinn – als Rassist bezeichnet. Ihr seid diejenigen, die an ein Märchenbuch glauben. Ihr seid diejenigen, die an einen unsichtbaren Zauberer im Himmel glauben. Im Namen Eurer Religion werden Ehebrecherinnen gesteinigt, Schwule aufgehängt und Ungläubige ins Gefängnis gesteckt, im Namen Eurer Religion wird die Welt mit Terror überzogen. Es ist mir egal, wenn Ihr behauptet, dies habe nichts mit Eurer Religion zu tun, denn erstens stimmt es nicht (lest doch einfach mal Euren Koran und die Hadithe von vorne bis hinten) und zweitens, selbst wenn Ihr von Euch behauptet, den Islam friedlich zu leben, heißt das immer noch, dass Ihr ein Weltbild lebt, das auf einem Märchenbuch und einer nicht beweisbaren Entität beruht, für deren Existenz es nicht den kleinsten Beleg gibt.

Lebt doch Euren Glauben. Niemanden wird es interessieren, solange Ihr keinem schadet oder anderen Menschen irgendwas aufzwingen wollt. Aber wundert Euch doch bitte nicht, dass Eure Weltanschauung kritisch unter die Lupe genommen, dass darüber debattiert und sich darüber lustig gemacht wird. Was für Euch heilig ist, ist für mich Blödsinn. Wenn Ihr Euch als Muslime identifiziert, müsst Ihr damit rechnen, dass ich Euch an der Praxis Euer Religion messe. Und wenn Ihr das nicht aushaltet, stehen Euch genügend Länder zur Verfügung, in denen Ihr die Zumutungen atheistischer Frechheiten nicht ertragen müsst.

Vielen Dank für Eure geschätzte Aufmerksamkeit.

Sexualität ist sexistisch – Merkt Euch das!

Sexy Ad 1Sexualität ist böse. Sexualität ist Unterdrückung der Frau. Sexualität führt zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Sagen Feministen. Und weil Feministen immer recht haben, dürfen sie auch die SPD beraten, die dann auch prompt über das ihr hingehaltene Stöckchen springt:

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) will mit einer Gesetzesänderung geschlechterdiskriminierende Werbung verbieten. Das berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Der Entwurf von Maas sieht vor, dass künftig Plakate oder Anzeigen unzulässig sein könnten, die Frauen oder Männer auf Sexualobjekte reduzieren. Im Streitfall würde ein Gericht die Entscheidung treffen.

Denn sich zum Sexualobjekt reduzieren zu lassen, ist furchtbar, weil Sex zu mögen und Sex haben zu wollen, voll böse ist, weil Feministen das halt so behaupten.

Das Nachrichtenmagazin berichtet, die Änderung des Gesetzes entspräche der Umsetzung eines Beschlusses der SPD-Parteispitze nach den sexuellen Übergriffen an Silvester in Köln. Die Partei will demnach ein „modernes Geschlechterbild“ in der Gesellschaft formen.

Und weil es die Aufgabe der Regierung ist, dem Volk vorzuschreiben, was für ein Geschlechterbild es gut zu finden hat, ist es zwingend notwendig, Sexy Ad 2halbnackte Weiber auf Werbeplakaten zu verbannen, weil sonst Menschen aus sexualrepressiven Staaten auf die Idee kommen könnten, Sexyness lädt zur sexuellen Belästigung ein, während man vor dem Kölner Hauptbahnhof auf eine Gelegenheit zum Taschendiebstahl wartet.

Damit also die hiesige Bevölkerung und die Neubürger lernen, dass man gefälligst keine Menschen vergewaltigt, muss in Deutschland die Sexualität aus der Öffentlichkeit getilgt werden. Denn wie jeder weiß, wird das Selbstbestimmungsrecht über sich, seine Körper und seine Sexualität vor allem in den Gesellschaften besonders hoch geachtet, in denen es keine sexualisiserte Werbung gibt. In Saudi-Arabien oder dem Iran beispielsweise, Ländern, an denen wir uns dringend ein Beispiel nehmen sollten.

Maas hat sich für den Entwurf von der Organisation Pinkstinks beraten lassen. Die Aktivisten fordern seit langer Zeit ein Verbot von sexistischen Inhalten in der Werbung.

Sexy Ad 3Und man kann davon ausgehen, dass in wenigen Jahren, Pinkstinks und andere Radikal-Feministen die Einführung der Scharia und der Burka fordern werden. Ganz im Sinne der Frau, um sie vor dem schrecklichsten Wesen dieses Planeten zu beschützen: dem Mann.

Haarscharf an der Freiheit vorbei

Kritische Texte über Gender lese ich teils zustimmend, teils kopfschüttelnd, teils mit einer Mischung aus Zorn und hemmungslosen Amüsement. Zu letzterer Kategorie gehört ein Beitrag von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, seines Zeichens Biologe, der auf der Webseite des Deutschen Arbeitgeberverbandes ein Elaborat verfasst hat, mit dem er den Kritikern der Genderkritik einen Bärendienst erweist.

Warum sich der Deutschen Arbeitgeberverband („Markt & Freiheit“) bemüßigt fühlt, Kutschera eine Plattform zu bieten ist nicht ganz klar; offenbar hat man sich in den Chefetagen der Republik aber dazu entschlossen, Partei im gesellschaftlichen Kulturkampf zu ergreifen, anstatt seinen eigentlichen Job zu tun und Profit zu erwirtschaften.

Kutscheras Beitrag könnte man unter anderen Umstände ignorieren, es gelingt mir aber aus zwei Gründen nicht: Erstens wegen der abgrundtiefen Nichtigkeit, an der sich seine Kritik entzündet, und zweitens wegen eines gar lustiges Details, welches unabsichtlich seine Reputation als Biologe – zumindest in meinen Augen – schmälert.

Anlass der Kritik ist folgende Postkarte welche das Bundesministerium für alle außer Männer (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) anlässlich eines Festaktes zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit verteilt hat.

Gleich geht's weiter
Kutschera schreibt hierzu:

Auf einem professionell hergestellten Foto ist ein dämlich-besorgt dreinblickender junger deutscher Mann zu sehen, der in demütiger Körperhaltung einen Blumenstrauß in der linken Hand hat. Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens: Intelligent-weißhäutig, und somit mit dem Potential zum gutverdienenden beamteten Lehrer ausgestattet, aber gleichzeitig mit einem sensibel-weichgespülten Wesen. Die maskulinen Züge des Mit-Zwanzigers sind kaum noch erkennbar.

Nun sind Eindrücke naturgemäß subjektiv, es ist allerdings auffallend, wie abfällig Kutschera über das Antlitz eines jungen Mannes schreibt, das – welch Ironie! – dem Kutscheras nicht nur ähnlich ist, sondern das man überdies zuhauf in sämtlichen Städten dieser Republik und der westlichen Welt antreffen kann. Ein Mann, der sympathisch erscheint und durchaus attraktiv ist, sicher noch nicht mit beiden Beinen im Leben steht – aber wer erwartet das schon, wenn man gerade Mitte zwanzig ist?

Seine Partnerin, eine gleichaltrige, ebenfalls kaukasische junge Frau mit Hochzeits-Schleier, hält, liebevoll herabblickend, eine schwere Motor-Kettensäge in den Armen, als wäre dieses grobe Holzfäller-Werkzeug ihr leibliches Baby. Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin, aber die Tatsache, dass ein heteronormales Mann-Frau-Paar dargestellt ist, muss im genderisierten Deutschland 2015 lobend hervorgehoben werden.

Dass sich beim Anblick des Bildes, und der dargestellten Protagonisten, bei mir so gar kein moralisierender Eifer einstellen mag, mag meinen Habitus als homounnormaler Warmduscher ohne stark ausgeprägte maskuline Züge geschuldet sein, jenen Exemplaren also, die Kutscheras Wunschtraum eines echten Mannes augenscheinlich nicht entsprechen.

Mit der auf unserer „Gleich geht’s weiter“-Postkarte abgebildete junge Braut wird sich wohl nur eine kleine Minderheit Gender-vernebelter „Kampf-Emanzen“ identifizieren können – die Mehrzahl der evolutionär/physiologisch normal entwickelten Frauen wird in diesem Foto im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Arm genommen“ bzw. zur Lachnummer gemacht. Eine große, schwere Motorsäge als Baby-Ersatz abzubilden und den im besten Mannesalter stehenden Jüngling zu einem weichgespülten Volldeppen zu erniedrigen, ist für normale Menschen verachtend – es zeigt daher eindrucksvoll, was die GM-Religion aus den ehemals arbeitsteilig-gleichberechtigten Männern und Frauen der Wirtschaftswunder-Jahre gemacht hat: Widernatürliche „Mann-Frauen“ mit reduziertem Arbeitsleistungs- und Reproduktionspotential (Kreativitäts- und Geburtenrückgang der Ureinwohner Deutschlands).

Was mich an diesen Äußerungen gleichsam vor Zorn beben lässt ist, ist die absolute Negation jedweder individuellen Freiheit zugunsten eines uniformen Idealbildes von Frau und Mann, von Männlichkeit und Weiblichkeit, und die anmaßende Kategorisierung als unnormal und „widernatürlich“ all jener Menschen, die dem subjektiven Ideal Kutscheras nicht entsprechen. Das halte ich für weitaus menschenverachtender als eine harmlose Postkarte mit dem Abbild zweier alltäglich aussehender, stinknormaler junger Menschen, welche für Gleichstellung der Geschlechter wirbt. Jedwede berechtigte Kritik, die man am Gender Mainstreaming, dem Feminismus und dem Konzept der Gleichstellung anbringen kann, wird damit einer biologistischen, autoritären Sicht auf Menschen geopfert, die in meinen Augen ebenso verwerflich ist, wie sämtliche Versuche einen neuen gendergerechten Menschen zu formen.

Zumal Kutschera, womit wir wieder zum amüsanten Teil des Beitrages zurückkommen, durchaus unbiologisch argumentiert und, ohne es zu merken, knietief ins Fettnäpfchen des sozialen, gesellschaftlichen konstruierten, Geschlechts gegriffen hat.

Erinnern wir uns, was Kutschera über den jungen Mann auf dem Bild geschrieben hat:

Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens […]

Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin […]

Offensichtlich ist bei Kutschera eine leichte Abneigung gegen Männer mit langen Haaren zu spüren; offenbar machen in seinen Augen eben diese langen Haare Männer weniger maskulin, sondern eher unnormal, ja „widernatürlich“ gar.

Doch wie erreicht man bei Männern das Ideal einer schneidigen Kurzhaarfrisur? Korrekt! Indem man der Natur ins Handwerk pfuscht, indem man das natürlich wachsende, lange Haupthaar auf dem Kopf des Mannes zurechtstutzt, indem man eine ewigen Kampf gegen die Biologie des Haarwuchses führt – im Übrigen auch dem des Bartwuchses, den der junge Mann auf dem Bild durchaus aufweist.

Ausgerechnet die Kurzhaarfrisur als Inbegriff der Männlichkeit in einem Artikel zu erwähnen, der mit der Natürlichkeit und biologischer Konformität der Geschlechter argumentiert, ist dermaßen erheiternd, dass man mein Lachen noch hören wird, wenn die Spezies Homos sapiens längst vom Angesichts der Erde verschwunden sein wird.

Warum man für Analsex keine Kulturanthropologen braucht

Ingelore Ebbenfeld ist eine Sexualwissenschaftlerin und Kulturanthropologin, die sich eine neue Marktlücke erschließen möchte und sich daher der Jahrtausende alten, populären Ansicht angeschlossen hat, dass unsere Welt immer verdorbener und unmoralischer wird, was sich insbesondere im westlichen Verhältnis zur Sexualität widerspiegele. Wie erwartet, lässt sich der Gehalt an Originalität, Intellektualität und Scharfsinn bei einer derartig drögen Philippika nur in Spurenelementen messen:

Wir werden von einer sexuellen Welle überflutet.

Das ist Ansichtssache. Ich finde, dass dies nicht der Fall ist.

Im öffentlichen Raum spielt sich soviel Sexuelles ab, dass wir mehr oder weniger daran ersticken, obwohl wir uns angewöhnt haben, diese sexuellen Zeichen zu übersehen.

Wenn man erstickt, übersieht man die Symptome des Erstickens allerdings nicht. Das Gefühl zu ersticken ist höchst unangenehm und kaum zu ignorieren. Insofern handelt es sich hier um eine mehr als schrägen Vergleich.

Das ist so wie mit dem Straßenverkehr: Im Schilderwald einer Großstadt lernt man nur noch das zu sehen, was man braucht, der Rest wird nur am Rande wahrgenommen. Am Rande wahrgenommen heißt aber nicht, nicht wahrgenommen. Und keine Frage, diese öffentliche Sexualität, die uns Tag für Tag überflutet, verändert uns, auch unsere Sichtweise auf die Geschlechter.

Aha.  Und wie?

Wenn ich eine mit einem sexuellen Gestus beworbene Pizza kaufe, dann hat diese Pizza erst einmal nichts mit Sexualität zu tun.

Korrekt.

Aber wenn ich durch ein sexuelles Signal zum Kauf dieser speziellen Pizza verführt werde, was bedeutet das?

Das bedeutet, dass mich die Werbung so sehr angemacht hat, dass ich diese spezielle Pizza unbedingt kaufen wollte.

Nun, dass eine eigentlich neutrale Sache mit sexuellen Zeichen versehen wird, weil ich gezielt auf der sexuellen Ebene angesprochen werde soll, denn dort bin ich äußerst empfänglich. Das heißt, wenn es darum geht, Produkte an den Mann zu bringen, benutzt der Markt unsere sexuellen Vorstellungen, um Dinge, die gar nichts mit Sex zu tun haben, besser verkaufen zu können. Das geht vom Hamburger über das Auto bis zum Rasenmäher.

Ja, stimmt. So funktioniert Werbung. Seit Jahrtausenden. Und nun?

Obwohl Menschen verschieden veranlagt sind und wenngleich sie altersbedingt Veränderungen hinsichtlich der sexueller Leistungsfähigkeit und sexuellen Lust erfahren, wird so getan, als müssten sich alle Individuen auf dem selben sexuellen Niveau befinden.

Kaum vorstellbar. Ich erwarte zum Beispiel nicht, dass sich meine Oma auf dem selben sexuellen Niveau wie ich befindet. Und wenn ich zum Beispiel bei GayRomeo vorbeischaue, treffe ich dort ebenfalls auf eine Fülle von Menschen, die sich nicht auf dem selben sexuellen Niveau wie ich befinden.

Die Lust, die wir beim sogenannten Blümchensex verspüren, reicht nicht mehr aus, sondern muss immer mehr gesteigert werden.

Vielleicht ist das bei Frau Ebbenfeld so, aber mir würde Blümchensex momentan völlig ausreichen.

Es muss immer etwas Neues her.

Bei mir nicht.  Mein Interesse daran, was Neues auszuprobieren ist relativ gering. So stehe ich zum Beispiel immer noch nicht auf Frauen, BDSM oder Fisting, sondern immer noch so ziemlich auf das Gleiche, wie in den Zeiten, in denen ich meine Sexualität entdeckt habe.

Hier tritt das Individuum in einen Kreislauf ein, in dem es immer stärker unter Druck gerät.

Oder auch nicht. Ich fühle mich durch Sexualität nicht unter Druck gesetzt.

Ich bin der festen Überzeugung, Frauen waren immer bemüht, gut auszusehen und attraktiv zu erscheinen. Aber heutzutage erfahren sie diesbezüglich einen massiven Druck von außen, durch Bilder die ihnen täglich vermittelt werden.

Wer in Berlin lebt, weiß, dass das nicht stimmen kann, weil hier eine Fülle von Frauen (und Männer) leben, die offensichtlich dem vermittelten Bild superattraktiver Menschen nicht entsprechen und auch nicht den Anschein machen, nach diesem Bild zu streben. Was zuweilen bedauerlich ist.

Wobei aus dem Porno-Bereich bestimmte Körper-Standards mittlerweile Einzug in unseren Alltag gefunden haben, denen ein normaler Mensch, auch und gerade in seinem Alterungsprozess überhaupt nicht genügen kann.

Das kann nur jemand behaupten, der keine Pornos konsumiert, denn Pornos sind unglaublich vielfältig, nicht nur was Neigungen und Sexstellungen, sondern auch was Körperbilder angeht.

Wir erliegen also einem speziellen Jugendkult und zwar nicht nur auf der Ebene des Körpers, sondern auch auf der Sexuellen. Das Resultat: Wir sind nicht glücklich damit, wie wir sind, sondern unglücklich darüber, nicht so zu sein, wie wir sein sollten.

Ich nicht.

Ich würde die Frage nicht auf die Werbung beschränken: Medien allgemein zeigen uns beständig, wie wir zu sein haben und wie wir uns mehr Lust verschaffen können.

Ja, aber wenn einem das nicht gefällt, kann man es ja ignorieren. Das ist relativ simpel, denn mir gelingt es auch. Das was mir gefällt spricht mich an, was nicht, das ignoriere ich.

Dabei wird alles gezeigt, was man zeigen kann.

Was einem aber nur auffällt, wenn man den beständigen Drang verspürt, hinzuschauen.

Schamhaftes Verhalten ist passé. Zügelloses Sexualverhalten wird mehr und mehr üblich, zum Beispiel das einer Mylie Cyrus, die mit ihren Reizen wirklich nicht geizt und wer das kritisiert, gilt schon als prüde und verklemmt.

Wer ist Mylie Cyrus?

Zum Beispiel ist Nacktheit im Theater nichts Besonderes mehr. Auch Beine werden gespreizt, es werden Kunstpenisse eingesetzt, um diese anstelle echter zu masturbieren. Performance-Künstler schrecken mittlerweile vor nichts mehr zurück. Vorderhand soll durch ein solches Verhalten geschockt und sollen gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen werden, ich finde derlei einfach nur schamlos.

Das kann man schamlos finden, aber das ist halt nur eine Ansicht unter vielen. Ich finde das, was an unseren Theatern geboten wird, oftmals langweilig und uninspirierend, was der Grund dafür ist, dass ich nicht ins Theater gehe. Aber daraus entwickelt sich kein Drang, einen Kreuzzug zur Durchsetzung meines persönlichen Geschmacks zu starten.

Es gibt Teile in der Pop- und Hip Hop-Musik, die mich sprachlos machen.

Dann hätte diese Musik zumindest etwas Gutes…

Wer sich die Texte anhört oder das Verhalten der entsprechenden Musiker auf der Bühne sieht, mag derlei gar nicht weiter kommentieren.

Und das Schöne an einer freien Gesellschaft ist: Man muss diese Musik weder hören, noch kommentieren.

Es werden obszöne Gesten gezeigt und ein dermaßen rüdes Vokabular benutzt, das weit unter die Gürtellinie geht.

Ich bin erschüttert.

Hier wird keine kulturelle Haltung oder ein Protest mehr angezeigt, sondern es geht einfach nur um das Ausleben von Personen, die sich das alles erlauben können. Diese Menschen werden offiziell auch noch mit Auszeichnungen bedacht. Ich denke nicht, dass dies das richtige Zeichen ist.

Genau! Das richtige Zeichen wäre es, diese Auszeichnungen an hochseriöse Sexualwissenschaftler und Kulturanthropologen zu verteilen, die sich darüber echauffieren, dass es doch tatsächlich Menschen gibt, die Ausdrücke benutzen, welche hochseriösen Sexualwissenschaftlern und Kulturanthropologen nicht gefallen.

Allein die Sprache auf unseren Schulhöfen ist so von sexistischen und abfälligen Termini durchsetzt, dass ich mir schwerlich vorstellen kann, dies hätte keinen Einfluss auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Klar. Alles hat irgendwie Einfluss. Fragt sich bloß welchen.

Es sind nicht nur Jugendliche die verroht sind, sondern auch und gerade Erwachsene. Sie sind es, die immer brutalere Filme produzieren, immer mehr zeigen und Pornos für lau ins Netz stellen: Niemals ist soviel Nacktheit, Intimität und rüdes Vokabular öffentlich ausgebreitet worden wie heute. Um das festzustellen, bedarf es keiner empirischen Studie.

Eine empirische Studie wäre aber ganz gut,  denn bereits Sokrates klagte:

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus.
Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor
älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll.
Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten.
Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die
Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Aber alles was wir benutzen, wie wir sprechen, uns öffentlich bewegen und verhalten hat Auswirkungen auf unser Menschsein. Es macht zum Beispiel einen riesigen Unterschied, ob jemand sagt: Hör auf zu heulen oder hör auf zu weinen. Die Sprache zeigt das Verhältnis des Menschen zum anderen und seiner Welt. Veränderungen in diesem Bereich hinterlassen Spuren.

Mag sein. Aber, was folgt daraus?

Das öffentliche Sprechen über Sexualität fing in den 1960er und 1970er Jahren mit den Studien von Kinsey und Masters and Johnson an. Das völlig zurecht, wenn man bedenkt, welche Vorstellungen damals herrschten. Gleichzeitig wurden damit aber auch gewisse Standards gesetzt. Wer diesen Standards nicht genügt, gerät unter Leistungsdruck

Entschuldigung, das ist Blödsinn. Nur weil Mylie Cyrus Musik macht, gerate ich nicht unter den Leistungsdruck, ebenfalls Musik machen zu müssen. Und nur weil Peter aus der Nachbarwohnung Frauen bis zum Quietschen vögelt, muss ich das noch lange nicht selbst tun.

Das gilt auch für den seit einiger Zeit postulierten G-Punkt und die weibliche Ejakulation. Ich hoffe, diese propagierten Lustquellen versiegen ebenso schnell wie die in den 1970ern angepriesenen, die höchste Lust versprachen, nämlich der gemeinsame und der multiple Orgasmus.

Der multiple Orgasmus ist toll. Aber er ist anstrengend. Und kaum einer erwartet ihn. Ebenso ist es beim gemeinsamen Orgasmus. Vielleicht können wir daher irgendwann mal zu einer konstruktiven Aussage gelangen, die sich nicht darin erschöpft, moralisierend anzuprangern, was Ihnen persönlich nicht gefällt, Frau Ebbenfeld ? Wäre das denkbar?

Ich vergleiche Sex-Spielzeuge gerne mit Küchenmaschinen, nehmen wir zum Beispiel einen Eierkocher: Das Simpelste ist, Wasser in den Topf, auf den Herd stellen, Ei hinein und fertig. Wird das Ei durch den Eierkocher besser? Nein.

In gewisser Weise wird das Ei durch den Eierkocher durchaus besser, weil man es mit diesem Instrument schneller der Verwertung zuführen kann.

Beispielsweise wurden Sex-Kugeln bei Frauen zum Renner, nachdem sie in einem dreibändigen Softporno-Roman erwähnt wurden. Und, wen haben sie etwas gebracht?

Einigen Frauen haben diese einen Orgasmus gebracht, den sie ohne Sexkugeln nicht gehabt hätten.

Eindeutig feststellbar ist, dass [Analsex] zugenommen hat und bei Homosexuellen offensichtlich mehr oder weniger zur Regel geworden ist, was in der Vergangenheit nicht der Fall war. In den Kinsey-Studien, die ja Jahrzehnte zurückliegen, war Analsex eine Randerscheinung.

Will Frau Ebbenfeld mir jetzt Analsex madig machen?

Mittlerweile ist dieser aber in Pornofilmen Standard und über das Einsickern dieses Mediums in die Gesellschaft hat sich diese sexuelle Variante immer mehr durchgesetzt. Dadurch wird Analverkehr immer mehr zur Forderung von Männern.

Selbst wenn das so wäre, könnte der Sexualpartner den Wunsch nach Analverkehr durchaus verneinen, wenn er dies nicht möchte. Oder Analverkehr nur unter der Bedingung der passiven Gegenseitigkeit entsprechen.

Das bedeutet wiederum, dass die Sexualität in eine neue Sphäre geführt wird. Und jetzt wird so getan, als sei Analverkehr normal. Aber Analverkehr ist nicht das normalste auf der Welt.

Ich sag dazu einfach mal: Doch, ist es! Und jetzt, Frau Ebbenfeld, was sagen sie nun? Schnappen Sie nun empört nach Luft ob dieser dreisten Anmaßung, selbst über seine sexuellen Vorlieben zu bestimmen?

Was heißt denn „sich einigen“? Nehmen Sie eine junge Frau, die von ihrem Mann aufgefordert wird, Analsex mit ihm zu machen. Diese Frau will es eigentlich nicht, ist aber völlig verunsichert. Jetzt gibt der Mann nicht nach. Wer setzt sich nun ihrer Meinung nach durch, die Frau im Widerstand, oder der Mann, der es will?

Die Frau im Widerstand, denn sie braucht nur „Vergewaltigung“ zu rufen, und der Mann ist für den Rest seines Lebens ruiniert.

Abgesehen davon: Können wir bitte endlich mal von diesem Bild wegkommen, welches Männer nur als tumbe, rohe, emotionslose Sexmaniacs sieht, die Frauen lediglich als Sexpuppen benutzen und über deren Köpfe hinweg zu Sexualpraktiken nötigen, die Frauen gar nicht wollen?

Wie kann es dann sein, dass solche Praktiken vor Jahren überhaupt nicht als Möglichkeit diskutiert wurden und mittlerweile zum Standard gehören? Wer hat das durchgesetzt?

Tja, wie kann es sein, dass die Praktik des ehelosen Geschlechtsverkehrs vor Jahrzehnten überhaupt nicht als Möglichkeit diskutiert wurde? Wieso gibt es heute Pornos en masse? Und wie kann es sein, dass man wegen schwulem Sex nicht mehr ins Gefängnis gesperrt wird? Wer hat das alles durchgesetzt?

Niemand, Frau Ebenfeld! Das sind alles Folgen der individuellen Freiheit der Menschen, die in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Ich persönlich finde das ja gut. Und Sie?

Früher war Cunnilingus ebenfalls tabuisiert, wurde aber anders als Analverkehr praktiziert. Darüber gibt es Zahlenmaterial zum Beispiel in den Kinsey-Reporten. Ich bin der festen Überzeugung, wäre der Wunsch nach Analsex ebenso dringlich vorhanden gewesen, wäre er auch praktiziert worden. Ich glaube im Übrigen, das Argument, alles sei eine Frage des Agreements, greift zu kurz: Fisting ist heutzutage ein Agreement unter den Agierenden und deswegen soll es okay sein? So ein Quatsch.

Natürlich ist es okay, wenn die Beteiligten darauf verständigen. Da ist kein Quatsch, das ist die Freiheit, sein Leben selbst so zu leben, wie man es möchte. Egal ob Madame Ebbenfeld damit einverstanden ist, oder nicht.

Ein einfacher Kuss auf den Mund von jemanden, den man anhimmelt, in den man verliebt ist, kann beispielsweise hochgradig körperlich und bewegend sein. Er kann auf eine Art in die Psyche des Menschen eindringen, dass er mit einem hochgelobten Zungenkuss eines anderen Menschen überhaupt nicht zu vergleichen ist. Es kommt immer auf die eigene Empfindungswelt an. Das vermeintliche neue Lustvolle wird einem so lange eingeredet, bis sich für die eigenen, harmlosen Vorlieben geschämt wird.

Unsinn! Blödsinn! Schwachsinn! Menschen sind unterschiedlich. Menschen haben unterschiedliche Vorlieben. Ebbenfeld kann mir gerne einen historischen Zeitpunkt nennen, in dem Sexualität vielfältiger war als jetzt, und in der diese Vielfalt in einem größeren amße toleriert und akzeptiert wurde als im hier und heute.

„Die Frage ist doch: Warum sollten Menschen mit dem, womit sie die Natur ausgestattet hat, nicht glücklich sein können?“

Ja gute Frage. Mal überlegen: Die Natur hat mich mit Penis und Faust ausgestattet. Und meinen Mitmenschen mit einem Anus. Die Natur gestattet es mir, meinem Mitmenschen, Penis und/oder Faust in den Anus zu schieben. Und sie gestattet es mir ebenfalls, mir Penis und Faust in den Anus schieben zu lassen. Wenn wir beide es wollen. Und wenn es uns Spaß macht, machen wir weiter. Und es geht mir dabei komplett am Anus vorbei, ob Frau Ebbenfeld das okay findet.

Dieses Konzept des gegenseitigen Einvernehmens, des Individualismus und der Freiheit der Wahl sowie des Experimentierens ist allerdings so revolutionär simpel, dass es Sozialwissenschaftler und Kulturanthropologen mit Hang zur Bettenschnüffelei nicht befriedigen kann.

Torte, es gibt Torte!

Ein schwules Paar geht in eine Konditorei und möchte eine Hochzeitstorte. Der Konditor weigert sich, weil seine religiöse Anschauung das Konzept der gleichgeschlechtlichen Ehe für sündhaft hält. Das Paar verklagt daraufhin den Konditor auf Schadenersatz…

Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir schwer zu entscheiden, welche von beiden Parteien ich alberner finde.

Wenn mir und meinem Freund eine Hochzeitstorte verweigert würde, weil wir schwul sind, was würde ich tun? (Sehen wir mal davon ab, dass mir das nicht passieren würde, weil ich in Berlin lebe und daher weiß, welche Konditorei ich aufsuchen müsste, um garantiert nicht abgewiesen zu werden).

Aber nehmen wir mal an, mir würde so etwas geschehen. In meinem Kopf spielt sich das Szenario  – dramaturgisch verfeinert – in etwa so ab:

Adrian: „Guten Tag, verehrter Konditormeister, ich hätte gerne eine Hochzeitstorte.“

Konditor: „Vortrefflich! Soll die Torte denn für Sie bestimmt sein?“

Adrian: „Durchaus!“

Konditor: „Meine herzlichsten Glückwünsche! Wann ist es denn soweit?

Adrian: „An den Iden des September.“

Konditor: „Vortrefflich! Aber wieso haben Sie Ihre Zukünftige nicht mitgebracht?“

Adrian: „Weil es, mit Verlaub, keine Zukünftige gibt. Und wenngleich ich beabsichtigte eine Torte zu bestellen und keine Konversation über mein Privatleben zu führen gedachte, werde ich Ihnen meinen Zukünftigen dennoch vorstellen. Sag ‚Guten Tag‘, Rafael!“

Rafael: „Guten Tag!“

Konditor: „Einen Moment, bitte, verstehe ich recht, Sie sind homophil und gedenken zu heiraten?“

Adrian: „Eiderdaus, nicht wahr? Und ein solch Arrangement im Jahre 2020 in Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland!“

Konditor: „Es tut mir leid, aber so etwas kann ich nicht unterstützen. Denn die Ehe, das  ist für mich etwas zwischen Mann und Frau.

Adrian: „Das ist wahrlich interessant, allerdings kann dies von mir aus gerne so bleiben. Denn ich gedenke, nicht Sie, sondern meinen geliebten Rafael zu ehelichen. Nicht wahr, Rafael?“

Rafael: „Fürwahr!“

Konditor: „Ich glaube, Sie missverstehen mich. Ich kann unter diesen Umständen keine Torte backen. Nicht für ein homophiles Paar, wie Sie beide eines sind.“

Adrian: „Ich verstehe durchaus, allerdings bin ich im Besitz der nötigen finanziellen Mittel. Gedenken Sie nicht, an diesen zu partizipieren? Ich war der Ansicht, eine derartige Übereinkunft läge im Interesse eines Konditors. Meine Finanzmittel im Tausch gegen ihre konditorischen Fähigkeiten. Es müsste auch keiner erfahren, dass Sie eine Torte für ein homophiles  Paar kredenzt haben. Sie können Ihrer Gattin ja berichten, Sie hätten heute eine Torte für ein reizendes junges heterophiles Paar gezaubert, welches den Bund der Ehe zu schließen beabsichtigt, damit die Frucht ihrer Leidenschaft nicht in Sünde auf die Welt kommt.“

Konditor: „Ich schätze es nicht, wenn man sich über mich lustig macht.“

Adrian: „Das bedaure ich zutiefst, allerdings diktiert mir meine Weltanschauung, mich über Menschen wie Sie zu mokieren.“

Konditor: „Bitte gehen Sie!“

Adrian: „Nur zu gerne. Zuvor aber noch einige Worte des Abschieds. Ihnen ist doch wohl bewusst, dass ich Sie auf der Grundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes für Gericht zitieren und Sie dort Ihrer Unterleibsbekleidung entledigen könnte? Ihnen ist doch ebenfalls bewusst, dass ich über die sozialen Netzwerke jeden homophil Veranlagten Deutschlands auf Ihr Etablissment aufmerksam könnte?“

Konditor: „Sie sind ja ein übler Mensch, ein ganz Übler!“

Adrian: „Au contraire, guter Mann! Weil ich nämlich beabsichtige, all dies nicht zu tun. Trotz Ihres flegelhaften Verhaltens halte ich Ihr Recht auf Meinungs-, Gewissens- und Vertragsfreiheit hoch, wenngleich Ihre Ansichten fürwahr abscheulich sind. Denn Toleranz, das ist meine Natur. Nicht wahr, Rafael“?

Rafael: „Fürwahr, das ist die Natur meines geliebten Adrian. Und eine der Gründe, weshalb ich gedenke, ihn zu ehelichen.“

Adrian: „Fürwahr! Und nun lass uns gehen, Rafael, um auf unserem Canapé die süßen Früchte der griechischen Liebe zu kosten. Eine Hochzeitstorte erhalten wir auch in einer anderen Lokalität.“

Rafael: „Fürwahr. Aber bitte bedenke, eine Torte mit Sahne.“

Adrian: „Sahne bekommst Du freilich, mein Lieber. Soviel Sahne wie es Dir beliebt.“

Und selbstverständlich haben wir die Torte woanders bekommen. Mit soviel Sahne, wie es uns beliebt.

Religionsfrei homofrei

Nach dem Urteil des Supreme Court der USA zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtlichen Paare ist die christliche Rechte wie erwartet durchgedreht. Bar jeder Moral und unfähig zur Demut und Selbstreflektion haben viele von ihnen geschworen, gegen die Homo-Ehe Widerstand und zivilen Umgehorsam zu leisten.

Klingt lustig und ist es auch. Denn wie soll Widerstand gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare aussehen? Werden christlich-Konservative nun Sit-Ins vor Schwulenbars abhalten? Werden sie sich nicht mehr an der Ehe beteiligen? Werden sie sich weigern, Menschen des gleichen Geschlechts zu ehelichen?

Selbstredend wurde nach dem Urteil vielfach kolportiert, dass die Öffnung der Ehe das Recht auf Religionsfreiheit verletzt. Doch welche Freiheit, welches Recht soll das eigentlich sein? Die Freiheit und das Recht, dass andere Menschen nur die Freiheit haben, die der eigene Glaube erlaubt? Wenn die gleichgeschlechtliche Ehe gegen den eigenen Glauben verstößt, dann ist die Lösung doch sehr simpel: Heirate nicht homosexuell! Aber halte Dich aus dem Leben anderer Menschen raus! Denn Dein Glaube betrifft Dich, und nicht andere!

Die ganze Debatte zeigt gleichzeitig, wie fragwürdig das Recht auf Religionsfreiehit als speziell abgegrenztes Rechtsgut ist. Denn was ist Religion? Nicht mehr als eine bestimmte Weltanschaung, Wertvorstellung und Meinung, etwas also, dass jeder Mensch hat und was es milliardenfach auf der Welt gibt.  Wieso nun erhebt man bestimmte Weltanschaungen, Wertvorstellungen und Meinungen in den Rang eines eigenen Rechtsgutes und gibt diesen einen Sonderstatus, zusätzlich zur schon allgemein gültigen Meinungs-, Versammlungs- und Organisationsfreiheit? Wieso also sollte der Glaube, dass Gott Homos nicht mag, spezieller und schützenswerter sein als der Glaube, dass Lord Voldemort ein Veganer ist?