Haarscharf an der Freiheit vorbei

Kritische Texte über Gender lese ich teils zustimmend, teils kopfschüttelnd, teils mit einer Mischung aus Zorn und hemmungslosen Amüsement. Zu letzterer Kategorie gehört ein Beitrag von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, seines Zeichens Biologe, der auf der Webseite des Deutschen Arbeitgeberverbandes ein Elaborat verfasst hat, mit dem er den Kritikern der Genderkritik einen Bärendienst erweist.

Warum sich der Deutschen Arbeitgeberverband („Markt & Freiheit“) bemüßigt fühlt, Kutschera eine Plattform zu bieten ist nicht ganz klar; offenbar hat man sich in den Chefetagen der Republik aber dazu entschlossen, Partei im gesellschaftlichen Kulturkampf zu ergreifen, anstatt seinen eigentlichen Job zu tun und Profit zu erwirtschaften.

Kutscheras Beitrag könnte man unter anderen Umstände ignorieren, es gelingt mir aber aus zwei Gründen nicht: Erstens wegen der abgrundtiefen Nichtigkeit, an der sich seine Kritik entzündet, und zweitens wegen eines gar lustiges Details, welches unabsichtlich seine Reputation als Biologe – zumindest in meinen Augen – schmälert.

Anlass der Kritik ist folgende Postkarte welche das Bundesministerium für alle außer Männer (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) anlässlich eines Festaktes zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit verteilt hat.

Gleich geht's weiter
Kutschera schreibt hierzu:

Auf einem professionell hergestellten Foto ist ein dämlich-besorgt dreinblickender junger deutscher Mann zu sehen, der in demütiger Körperhaltung einen Blumenstrauß in der linken Hand hat. Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens: Intelligent-weißhäutig, und somit mit dem Potential zum gutverdienenden beamteten Lehrer ausgestattet, aber gleichzeitig mit einem sensibel-weichgespülten Wesen. Die maskulinen Züge des Mit-Zwanzigers sind kaum noch erkennbar.

Nun sind Eindrücke naturgemäß subjektiv, es ist allerdings auffallend, wie abfällig Kutschera über das Antlitz eines jungen Mannes schreibt, das – welch Ironie! – dem Kutscheras nicht nur ähnlich ist, sondern das man überdies zuhauf in sämtlichen Städten dieser Republik und der westlichen Welt antreffen kann. Ein Mann, der sympathisch erscheint und durchaus attraktiv ist, sicher noch nicht mit beiden Beinen im Leben steht – aber wer erwartet das schon, wenn man gerade Mitte zwanzig ist?

Seine Partnerin, eine gleichaltrige, ebenfalls kaukasische junge Frau mit Hochzeits-Schleier, hält, liebevoll herabblickend, eine schwere Motor-Kettensäge in den Armen, als wäre dieses grobe Holzfäller-Werkzeug ihr leibliches Baby. Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin, aber die Tatsache, dass ein heteronormales Mann-Frau-Paar dargestellt ist, muss im genderisierten Deutschland 2015 lobend hervorgehoben werden.

Dass sich beim Anblick des Bildes, und der dargestellten Protagonisten, bei mir so gar kein moralisierender Eifer einstellen mag, mag meinen Habitus als homounnormaler Warmduscher ohne stark ausgeprägte maskuline Züge geschuldet sein, jenen Exemplaren also, die Kutscheras Wunschtraum eines echten Mannes augenscheinlich nicht entsprechen.

Mit der auf unserer „Gleich geht’s weiter“-Postkarte abgebildete junge Braut wird sich wohl nur eine kleine Minderheit Gender-vernebelter „Kampf-Emanzen“ identifizieren können – die Mehrzahl der evolutionär/physiologisch normal entwickelten Frauen wird in diesem Foto im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Arm genommen“ bzw. zur Lachnummer gemacht. Eine große, schwere Motorsäge als Baby-Ersatz abzubilden und den im besten Mannesalter stehenden Jüngling zu einem weichgespülten Volldeppen zu erniedrigen, ist für normale Menschen verachtend – es zeigt daher eindrucksvoll, was die GM-Religion aus den ehemals arbeitsteilig-gleichberechtigten Männern und Frauen der Wirtschaftswunder-Jahre gemacht hat: Widernatürliche „Mann-Frauen“ mit reduziertem Arbeitsleistungs- und Reproduktionspotential (Kreativitäts- und Geburtenrückgang der Ureinwohner Deutschlands).

Was mich an diesen Äußerungen gleichsam vor Zorn beben lässt ist, ist die absolute Negation jedweder individuellen Freiheit zugunsten eines uniformen Idealbildes von Frau und Mann, von Männlichkeit und Weiblichkeit, und die anmaßende Kategorisierung als unnormal und „widernatürlich“ all jener Menschen, die dem subjektiven Ideal Kutscheras nicht entsprechen. Das halte ich für weitaus menschenverachtender als eine harmlose Postkarte mit dem Abbild zweier alltäglich aussehender, stinknormaler junger Menschen, welche für Gleichstellung der Geschlechter wirbt. Jedwede berechtigte Kritik, die man am Gender Mainstreaming, dem Feminismus und dem Konzept der Gleichstellung anbringen kann, wird damit einer biologistischen, autoritären Sicht auf Menschen geopfert, die in meinen Augen ebenso verwerflich ist, wie sämtliche Versuche einen neuen gendergerechten Menschen zu formen.

Zumal Kutschera, womit wir wieder zum amüsanten Teil des Beitrages zurückkommen, durchaus unbiologisch argumentiert und, ohne es zu merken, knietief ins Fettnäpfchen des sozialen, gesellschaftlichen konstruierten, Geschlechts gegriffen hat.

Erinnern wir uns, was Kutschera über den jungen Mann auf dem Bild geschrieben hat:

Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser „Jüngling im optimalen Testosteron-Alter“ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens […]

Bedingt durch die vom weißen Schleier verborgenen Haare wirkt die Dame, verglichen mit dem langmähnigen Jüngling an ihrer Seite, eher maskulin […]

Offensichtlich ist bei Kutschera eine leichte Abneigung gegen Männer mit langen Haaren zu spüren; offenbar machen in seinen Augen eben diese langen Haare Männer weniger maskulin, sondern eher unnormal, ja „widernatürlich“ gar.

Doch wie erreicht man bei Männern das Ideal einer schneidigen Kurzhaarfrisur? Korrekt! Indem man der Natur ins Handwerk pfuscht, indem man das natürlich wachsende, lange Haupthaar auf dem Kopf des Mannes zurechtstutzt, indem man eine ewigen Kampf gegen die Biologie des Haarwuchses führt – im Übrigen auch dem des Bartwuchses, den der junge Mann auf dem Bild durchaus aufweist.

Ausgerechnet die Kurzhaarfrisur als Inbegriff der Männlichkeit in einem Artikel zu erwähnen, der mit der Natürlichkeit und biologischer Konformität der Geschlechter argumentiert, ist dermaßen erheiternd, dass man mein Lachen noch hören wird, wenn die Spezies Homos sapiens längst vom Angesichts der Erde verschwunden sein wird.

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5 Thesen zu Geschlecht und Gender

Christian, vom formidablen Blog „Alles Evolution„, hat mich aufgefordert, 5 Thesen zum Thema Gender aufzustellen. Bitte sehr!

1. Geschlechtsrollen haben einen weitgehenden biologischen Ursprung.

2. Männer und Frauen haben ein Bedürfnis, sich voneinander zu unterscheiden.

3. Die Sexualität von Männern und Frauen ist unterschiedlich.

4. Das, was der Feminismus als Unterdrückung der Frau bezeichnet, hat seine Ursache in der Tatsache, dass nur Frauen Kinder auf die Welt bringen können.

5. Heterosexualität ist der tragische Versuch, zweier nicht kompatibler Menschen, miteinander auszukommen.

Bei Kritik an diesen Thesen bedenke man bitte, dass ich diese innerhalb von sieben Minuten in einer vollbesetzten Straßenbahn nach dem Joggen verfasst habe. Ich denke dennoch, dass sie alles in allem mehr Substanz haben, als sämtliche Genderlehrgänge an deutschen Universitäten zusammengenommen.