Akzoleranz – oder so

Der „pelzblog“ hat mir in seiner Antwort auf meine Frage bestätigt, dass er Homosexuelle nicht akzeptieren könne. Das hat mich nicht sonderlich überrascht. Überrascht hat mich dann allerdings doch, dass „pelz“ offenbar eine sehr eigentümliche Definiton des Begriffes „Akzeptanz“ pflegt, die möglicherweise ursächlich verantwortlich für unseren Disput ist.

Zunächst zitiert „pelz“ die Wikipedia

Akzeptanz (von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen, billigen) ist eine Substantivierung des Verbes akzeptieren, welches verstanden wird als annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein.

Es wird deutlich, dass Akzeptanz auf Freiwilligkeit beruht. Darüber hinaus besteht eine aktive Komponente, im Gegensatz zur passiven, durch das Wort Toleranz beschriebenen Duldung. Akzeptanz drückt ein zustimmendes Werturteil aus und bildet demnach den Gegensatz zur Ablehnung (Aversion).

Daraus schließt „pelz“ messerscharf:

Homosexualität zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes als homosexuell zu werden. Wenn jetzt Homosexuelle Heterosexualität akzeptieren, ist das dann wohl ein neues Spiel: Der heitere Sexualitätentausch!

Eine meisterhafte argumentative Vernichtung meinerseits. Denn gebraucht man das Wort „Akzeptanz“ tatsächlich in diesem Sinne, wäre es in der Tat unsinnig, sich Akzeptanz für Homosexualität zu wünschen, da dies eine implizite Bitte an Heteros um Änderung ihrer sexuellen Orientierung implizieren würde.

Das Problem ist allerdings, dass niemand im öffentlichen Diskurs den Begriff „Akzeptanz“ in diesem Sinne verwendet. Denn wenn man dies täte, könnte man in letzter Konsequenz nur das akzeptieren, was man selbst entweder selbst tut oder selbst ist.

Stellen wir uns das anhand einiger anderer Beispiele vor:

  • Als Weißer kann ich Schwarze lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Schwarze zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst schwarz zu sein.
  • Als jemand der Käse nicht mag, kann ich Menschen, die Käse gerne essen, lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Menschen, die Käse gerne essen, zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst zum begeisterten Käseesser zu werden.
  • Als Mann kann ich Weiblichkeit und/oder Frauen lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn Weiblichkeit und/oder Frauen zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst weiblich zu werden bzw. Frau zu sein.
  • Als Kinderloser kann ich die Tatsache, dass meine Schwester Kinder hat, lediglich tolerieren, aber nicht akzeptieren, denn ihre Eigenschaft als Elternteil zu akzeptieren, heißt in der letzendlichen Schlussfolgerung eben nichts anderes, als selbst Vater zu werden.

Ich bin sicher, man findet noch tausende weitere Beispiele, welche die Absurdität dieser Definition mehr als ausreichend verdeutlichen (Beispiele dürfen gerne in den Kommentaren dargelegt werden).

„pelz“ widemet sich nun dem Begriff der Toleranz, wiederum aus der Wikipedia

Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht.

und fragt darauf aufbauend:

Warum also werden Homosexuelle aggressiv, wenn man ihnen Toleranz aber keine Akzeptanz gewährt?

Hier könnte man z. B. schlussfolgern, dass die extreme Ablehnung einer gegenteiligen Sexualität auf homosexueller Seite viel ausgeprägter ist als auf heterosexueller Seite. Die Personen, die als Homosexuelle andere – Normalsexuelle – ständig mit Vokabeln wie „homophob“ usw. beschimpfen müssen, erwecken in mir den Verdacht der Heterophobie allein aufgrund ihrer Aggressivität.

Zunächst einmal bezeichnen die meisten Homosexuellen die Normalsexuellen nur dann als homophob, wenn es Gründe gibt anzunehmen, dass hinter ihren Ansichten und Taten Homophobie steckt, wenn die Normalsexuellen also erkennen lassen, dass sie nicht bereit sind, Homosexuellen so zu behandeln, wie sie Normalsexuelle behandeln bzw. als Normalsexuelle selbst behandelt werden möchten.

Anschließend komme ich zu der großen Ehre, im „pelzblog“ zitiert zu werden:

In einem Blogbeitrag des Schwulemikers Adrian sind die folgenden Worte zu lesen:

„So wie ich jeden Tag Euch Heteros sehen muss. Eure Händchenhalterei. Eure Küsserei. Eure Beziehungen. Eure Konflikte. Tag für Tag. Auf der Straße, bei der Arbeit, in den Medien. Kein Entrinnen, kein Entkommen – Heterosexualität allerorten. Immer! Überall!

Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung. Denn ich respektiere Euch Heteros. Akzeptiere Euch. Euer Leben. Eure Liebe. Eure Menschlichkeit.“

Es folgt die bereist bekannte messerscharfe Analyse, in diesem Fall meiner Psyche:

Anhand dieser Worte werden mehrere Dinge deutlich:

Er hat sehr wohl eine tief innewohnende Ablehnung gegenüber der Heterosexualität. Worte, die auf -erei enden, werden durch diese Wortendung grundsätzlich negativiert oder sind von Anfang an negativ belegt: Herumzickerei, Spinnerei, Faulenzerei usw. Dieses sprachliche Konstrukt negativiert Wörter.

Kein Entrinnen, kein Entkommen – Heterosexualität allerorten. Immer! Überall!

Stellt für mich die Beschreibung von etwas Bedrohlichem dar: Man will normalerweise etwas entkommen, das man als Bedrohung ansieht. So heilig, wie er tut, ist es um seine Wahrnehmung der Heterosexualität also nicht bestellt. Es wirkt eher wie gelebter Verfolgungswahn, da er es sogar in Worte fasst.

Man erinnere sich an den Kontext dieses Zitats, welches im Zusammenhang einer Äußerung von „pelz“ gefallen ist, der sich von Werbeplakaten zum Stuttgarter CSD belästigt fühlte:

Ich weiß, es ist gemein und bösartig von mir. Ich belästige aber niemanden mit solcher Werbung. Man will nicht alles sehen.
Bald müssen wir aber alles sehen.
Die Bildungspläne werden schon dafür sorgen.

Meine Antwort darauf war demnach eine polemische Reaktion, in der Hoffnung, „pelz“ darzulegen, dass wenn er sich schon von Plakten mit Homos belästigt fühlt, ich mich doch erst Recht von der allgegenwärtigen Normalsexualität belästigt fühlen könne. Was ich, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, anschließend aber verneint habe:

Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung. Denn ich respektiere Euch Heteros. Akzeptiere Euch. Euer Leben. Eure Liebe. Eure Menschlichkeit.

Was „pelz“ aber nicht gelten lässt:

Daher steht die Aussage „Aber ich bezeichne es nicht als Belästigung.“ im diametralen Gegensatz zu seiner vorherigen Auslassung über die Küsserei und der Wahrnehmung, er müsse der Heterosexualität entkommen. Ich glaube allerdings tatsächlich, dass die erste Aussage seine Meinung eher trifft, als die politisch korrekte Aussage am Ende. Er hat sich schon zuvor über „heterosexuelle Belästigung“ in Kommentaren geäußert.

Ich habe allerdings gezeigt, dass er Heterosexualität gar nicht akzeptieren kann, weil es eben nicht seiner Sexualität entspricht.

Und ich habe oben dargelegt, dass eine derartige Auslegung des Begriffs „Akzeptanz“ absurd ist, und auch nirgendwo im gesellschaftlichen Diskurs so verwendet wird.

Nun stellt sich aber eine weitere Frage: Ist Homosexualität angeboren oder  nicht? Ist sie es nicht, könnte er problemlos akzeptieren. Er wird allerdings keinen Bedarf darin sehen, da er sich mit seiner Sexualität wohlfühlt. Genau so ergeht es mir auch. Daher müssen wir beide die Sexualität des anderen nicht akzeptieren, wir sollten sie tolerieren.

Es tut mir leid, „pelzblog“ kann sich auf den Kopf stellen, ich werde die Normalsexualität auch weiterhin akzeptieren. Selbst gemäß seiner Definition. denn ich hätte – jenseits meiner polemischen, zuweilen zynischen, zumeist aber scherzhaften Sticheleien – keinerlei ethischen oder moralischen Bedenken, Normalsexualität für mich selbst anzunehmen. Ich sehe bloß keinen Grund dazu, eben weil ich mich mit meiner Homsoexualität wohlfühle –

und Männer einfach zu wunderbar sind, um auf sie zu verzichten.

P1131

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