„Ich würde mir eine Normalisierung der Homosexualität wünschen“

Der geschätzte Leser „Nachtschattengewächs“ hat einen schönen Kommentar geschrieben, der meines Erachtens formidabel das Konzept von Toleranz und Akzeptanz beschreibt, und einen Wunsch zum Ausdruck bringt, wie eine Gesellschaft Homosexualität behandeln sollte. Ich habe mir hierbei die Freiheit genommen, bestimmte – für mich besonders wichtige – Passagen fett hervorzuheben:

„Damit weiss ich immer noch nicht wie er auf die Idee kommt man wolle die ‘Zwangsheterosexualität’ durch Homosexualität als ‘neue Normalsexualität’ ersetzen. Ich gebe ja zu dass ich schon die eine oder andere Radfem in die Richtung habe lästern hören, aber das ist meiner Meinung nach als politische Absicht in etwa so glaubhaft wie Femdom-Phantasien aus der Kink-Ecke. Die haben es auch oft mit Emaskulation und Zwangshomosexualität. Prima Comedy-Material, und sicher aufregend wenn man in die Richtung geht, aber weder praktikabel noch von einer signifikanten Menge von Leuten tatsächlich gewünscht.

Zwangsheterosexualität ist, denke ich, mehr ein politisches Schlagwort. Es herrscht zwar immer noch ein starker sozialer Druck homosexuelle Neigungen nicht auszuleben, aber zum Glück ist es nicht mehr strafbar und es wird langsam gesellschaftsfähiger. Trotzdem ‘schwul’ ist immer noch ein beliebtes Schimpfwort.

Ok. Widerspruch? Eigentlich ja. Aus zwei Gründen: Erstens weil ‘gegenseitige Toleranz’ im Sinne von Duldung, mir zu kurz greift. Der Bestand der Duldung wäre ja schon, als Beispiel, mit der Einstellung des Herrn Gabalier erfüllt, der uns Schwule ja gar nicht vom schwulem Zusammenleben abhalten will, solange er uns bloß nicht sehen muss.

Mir ist natürlich klar, dass ich nicht von jemandem verlangen kann dass er seine wie auch immer geartete Abneigung gegen Schwule ablegt und uns jetzt toll findet. Genauso wenig wie ich von jemandem verlangen kann der Türken oder Chinesen für irgendwie eklig hält, seine leicht rassistisch Einstellung abzulegen. Es ist aber, denke ich, hierzulande weitgehend Konsens, dass mein chinesischer Kollege auch von diesem Menschen trotzdem mit Respekt und der angemessenen Höflichkeit behandelt werden sollte, unabhängig davon was der jetzt generell von Chinesen hält.

Das heißt, ich wäre mit dem weiten Halbsatz glücklicher wenn er ‘…und zwar mit den unstrittigen Zielen wechselseitiger Toleranz und gegenseitigem Respekts’ lauten würde.

Zum Zweiten denke ich dass eine Beschränkung auf den Sexualkundeunterricht den kulturellen Aspekt unterschlägt, der doch einen wesentlichen Teil der viel beklagten Heteronormativität ausmacht.

Ich würde mir eine Normalisierung der Homosexualität wünschen. Normalisierung hier bitte nicht als Setzung einer Norm missverstehen. Die Idee ist einfach der Sache den Ruch des Außergewöhnlichen, Verdächtigen und Abweichlerischen zu nehmen. Ich würde es begrüßen, wenn der Umstand, dass jemand sich eher in gleichgeschlechtliche Partner verliebt (oder sich entgegen seines oder ihres Geschlechtsrollenbildes verhält und präsentiert) und das auch selbstverständlich zeigt, nicht mehr Aufregung und sozialen Druck erzeugen würde, wie der Umstand dass jemand natürlich rote Haare hat.

Wenn wir eine solche Normalisierung als Teil des gleichberechtigten Erziehungsauftrags der Schule anstreben, dann wäre es hilfreich, wenn Homosexuelle nicht nur in dem Medien sondern auch in den Lehrmaterialien als selbstverständlich dargestellt werden. Das hieße z.B. eben auch dass Klein-Erna bedarfsweise auch mal mit Papa und Papa zum Jahrmarkt geht, in den Leseübungen, oder das Miss and Miss Smith eventuell auch mal die Hochzeit ihres Sohnes Kevin mit seinem Mann vorbereiten. Nicht ausschließlich oder auch nur mehrheitlich, sondern eben auch. Und das ginge über die vorgeschlagene ‘Abhandlung im angemessenen Umfang’ wohl hinaus.