Gott als Arbeitgeber

In den USA spielt sich momentan eine Posse ab, die ich mit einer Mischung aus Ärger und Amüsement zur Kenntnis nehme. Im Bundesstaat Kentucky weigert sich eine Angestellte des öffentlichen Dienstes, Kim Davis, seit mehreren Wochen, Ehelizenzen auszustellen, obwohl genau dies Teil ihres Jobs ist. Sie tut dies auf der Basis ihres religiösen Anschauung, welche es nicht erlaube, eine Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts gutzuheißen. Mittlerweile hat das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten bestimmt, dass Davis Ehelizenzen ausstellen muss. Sie weigert sich dennoch standhaft und beruft sich weiterhin auf die Autorität von Gott, der sie unterstellt sei.

Nun mag man sich wundern, warum man die Dame nicht einfach entlässt. Immerhin weigert sie sich nicht nur, ihren Beruf nachzugehen, nein sie stellt sich sogar explizit gegen ihren Arbeitgeber und gegen die Gesetze des Landes für das sie tätig ist, sondern auch gegen die Bürger der USA. Sie scheint offenbar nicht zu begreifen, dass sie nicht für Gott arbeitet, sondern für die Regierung Kentuckys und der Vereinigten Staaten von Amerika. Gott zahlt ihr kein Gehalt, es sind die Steuer zahlenden Bürger. Und genau diesen verweigert sie Ehelizenzen. Im Grunde genommen ein ungeheuerlicher Vorgang.

Dummerweise werden Angestellte des öffentlichen Dienstes in Kentucky gewählt, so dass man Davis nicht einfach entlassen kann. Man muss sie entweder abwählen oder sie durch ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch aus ihrer Position entfernen. Letzteres ist allerdings ein langwieriger, mühevoller Prozess, zu dem sich der konservative Südstaat Kentucky bislang nicht durchringen konnte. 

Diese Geschichte macht einmal mehr deutlich, wie absurd das Konzept der Religionsfreiheit als Philosophie ist; absurd in dem Sinne, dass der eigene Glaube wichtiger als alles andere sei, solange man nur Gott als Autorität zitieren kann. Man stelle sich vor, ein Jude würde in einer Metzgerei arbeiten und sich auf der Basis seiner Religion weigern, Schweinefleisch zu verarbeiten. Oder man denke sich eine Muslima in einem Bekleidungsgeschäft, die Gotts Autorität anruft um ihr „Recht“ durchzusetzen, keine Dessous zu verkaufen.

Wenn das alles akzeptabel sein soll, erfinde ich demnächst meine eigene Religion. Und diese wird besagen, dass mein Gott es mir während meiner Arbeitszeit vorschreibt, jede Stunde eine Pause von 45 Minuten einzulegen.

Kim Davis ist übrigens bereits zum vierten Mal verheiratet. Dagegen hatte Gott offensichtlich nichts zu sagen.

Lose straight

Aus Seattle erreicht uns eine Meldung, die lustig und in ihrer Idiotie tragisch zugleich ist.

Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA entschieden hat, dass die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden muss, fühlte sich Blogger Anthony Rebello in seinen Rechten als Hetero verletzt. So sehr, dass er ein Zeichen setzen wollte, mit der ersten Straight-Pride-Parade der Stadt:

„in the name of equality [and] equal rights … to celebrate our right to be heterosexual, and to encourage younger heterosexuals that they should be proud of their heterosexuality.“

Der Erfolg ließt allerdings zu wünschen übrig, denn obwohl es über Facebook 169 Zusagen gab, wa Rebello letztendlich der einzige Teilnehmer. Was allerdings auch nicht verwundern sollte, denn inwiefern wird das Recht irgendeines Menschen auf Heterosexualität mit Füßen getreten? Gibt es ein Eheverbot für Heteros? Ein Adoptionsverbot für Heteros? Ein Blutspendeverbot für Heteros? Kann man gefeuert werden, weil man Hetero ist? Werden heterosexuelle Paare, die in der Öffentlichkeit Händchen halten, doof angemacht, bespuckt oder gar zusammengeschlagen? Muss sich irgendjemand dafür rechtfertigen, dass er Hetero ist?

„Gay Pride“ ist das Eintreten für gleiche Rechte. Man beachte aber, was der Auslöser für Rebellos „Straight Pride“ gewesen ist: der Umstand, dass Homos mit der Ehe nun die gleichen Rechte haben wie er. Sein „Pride“ konstituiert sich also aus einer empfundenen Höherwertigkeit seiner selbst. Seinen „Pride“ bezieht er aus der Diskriminierung anderer Menschen.

Was für ein armes Würstchen!

Drei Dinge, bei denen die USA einfach nur irre sind

Als liberale Prowestler bin ich, offensichlich, ein großer Freund und Bewunderer der USA. Die Dinge, die mir an der Gesellschaft der Vereinigten Staaten am besten gefallen sind

a) die ausgeprägte Meinungsfreiheit, die es sogar dem Ku Klux Klan erlaubt, Demonstrationen abzuhalten

b) die Trennung von Staat und Religion

c) der ausgeprägte Föderalismus, der bewusst nicht kooperativ ist, sondern eine weitgehende Trennung von Bund, Einzelstaaten und Kommunen vorsieht.

Dennoch bin ich immer wieder verwundert, dass eine dezidiert proamerikanische Haltung bei manchen Befürwortern der USA Züge einer Heiligenverehrung annimmt. Denn, seien wir ehrlich, die USA haben gewichtige Aspekte die sie gleichzeitg zu einem der absurdesten Gesellschaften der westlichen Welt machen.

Für mich wären dies:

a) die ausgeprägte Religiosität, die, vergleicht man sie mit allen anderen westlichen Ländern, nicht anders als lächerlich bezeichnet werden kann. Um die 40 Prozent aller Amerikaner halten die biblische Schöpfungsgeschichte für wahr und lehnen damit die Evolutionstheorie ab. Das ist eine grotesk hohe Zahl, die jeden verstören muss, der an Bildung, Zivilisation und Fortschritt glaubt.

b) die USA haben die größte Gefängnispopulation pro Kopf auf der Welt. Mit einer Weltbevölkerung von 4,4 Prozent stellen sie fast ein Viertel (22 Prozent) aller Gefängnisinsassen. Man muss kein Zyniker zu sein, um das Motto „Land of the Free“ angesichts dieser Zahlen mit Spott zu betrachten.

c) die Waffengesetze, die den USA eine für entwickelte westliche Länder exorbitante Mordrate bescheren. Auf 100.00 Einwohner kommen in den USA etwa 10 Tote durch Handfeuerwaffen. Das Nachbarland Kanada kommt im Vergleich auf etwa 2, und Deutschland auf etwa einen Toten.

Ehe für alle! – Für wirklich alle!

Die Konservativen haben recht behalten. Nachdem in den USA die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde, melden nun die ersten Polygamisten ihre Wünsche an:

„Es geht um Gleichberechtigung beim Heiraten“, sagte Collier. Da könne man polygame Menschen nicht ausschließen. Deshalb hat Collier nun mit Victoria und Christine in Billings, Montana, den Behörden einen Besuch abgestattet, um die zweite Heiratsurkunde zu beantragen. Falls das Gesuch abgelehnt wird, will Collier Klage einreichen.

Die rechtlichen Hürden dürften andere sein, als im Falle der gleichgeschlechtlichen Ehe, da es in einem westlichen Land niemandem erlaubt ist, mehrere Ehepartner zu haben, man sich hier also weder auf sexistische Diskriminierung noch auf Diskriminierung auf Grund einer sexuellen Orientierung berufen kann. Eine weitere Hürde dürfte zudem die geringe gesellschaftliche Sogwirkung sein, da Polygamisten bislang über keine schlagkräftige Lobby verfügen.

Letztlich steht der rechtlichen Anerkennung einvernehmlicher Polygamie aber nichts im Wege. Ich würde mich freuen, wenn Collier tatsächlich klagen würde.

Gottes Wort, das ist Gesetz (aber nur dann, wenn es mir genehm ist)

Nach der Öffnung der Ehe in den USA wiederholt sich in den Südstaaten die Geschichte. So wie nicht wenige Teile der Bevölkerung damals gegen die Aufhebung der Rassentrennung und die Legalisierung gemischtrassiger Ehen protestierten, entdecken Fundamentalisten jetzt wieder ihr „christliches Gewissen“ und schwören, die neue Rechtslage zur Ehe nicht zu akzeptieren.

Beispielhaft für diese Bigotterie sei hier Linda Barnette genannt, Sachbearbeiterin aus Mississippi, und unter anderem zuständig für die Ausstellung von Ehedokumenten. Als Angestellte des Staates hat sie lieber gekündigt, als homosexuellen Paaren die erforderlichen Lizenzen zu übergeben:

“My final authority is the Bible. I cannot in all good conscience issue marriage licenses to same-sex couples under my name because the Bible clearly teaches that homosexuality is contrary to God’s plan and purpose for marriage and family. I choose to obey God rather than man.”

Zunächst einmal ist zu betonen, dass Barnette in einem Regierungsjob nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat, wenn sie „Gottes Gesetze“ für legitimer hält, als die der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA sind keine Theokratie, kein Land das auf der Basis des Christentums oder Gottes Wort gegründet wurde – im Gegenteil diktiert die Verfassung eine strikte Tennung von Staat und Religion und das Wort „Gott“ findet sich dort nicht ein einziges Mal. Selbstredend gibt es Religionsfreiheit, aber Religionsfreiheit heißt eben nicht, dass der eigene Glauben darüber zu bestimmen hat, wie andere Menschen zu leben haben. Wenn Barnette etwas gegen Homsexualität hat, soll sie halt keine Mösen lecken und keine Frau heiraten. Niemand zwingt sie dazu.

“I would be the one issuing the licence so it would be like I would be approving of this lifestyle and I do not.

Nein, Linda, Du bist Angestellte in einem Regierungsjob als Sachbearbeiterin. Als solche hast Du die Gesetze und Verordnungen des Bezirkes, des Bundesstaates Mississippi und der Vereinigten Staaten auszuführen. Das war der Deal, als man Dich eingestellt hat.

“I just believe that the Bible teaches that marriage is between a man and a woman, and I stand on that.

Wie so viele christlichen Fundamentalisten ist Barnett nichts anderes Heuchlerin, die ihre Bibel nie richtig gelesen hat. Selbstredend hat sie recht, dass in der Bibel – gelinde gesagt – nicht allzu vorteilhaft über Homosexualität gesprochen wurde. Aber das die Bibel lehrt, dass die Ehe etwas zwischen einem Mann und einer Frau sei ist – vorsichtig  ausgedrückt – fragwürdig. Denn welches ist die am meisten erwähnte Beziehungsform in der Bibel? Richtig! Die Polygamie. Ein Mann, mehrere Frauen.

Die Bigotterie und Heuchlerei wird auch durch die Worte eines Einwohners der Ortschaft deutliche, in der Barnette residiert:

“She’s given marriage licenses to people who have committed adultery and stolen and lied, and when their parents haven’t approved… it’s just crazy the way she’s thinking. That’s her job and she’s not there to judge people.”

Ehebruch, Diebstahl, Lügen, Ehe ohne Einverständnis der Eltern, alles gegen das „Wort Gottes“ in der Bibel. Und hat sich Barnette bislang daran gestört? Natürlich nicht! Sie hat brav ihre Ehelizenzen verteilt. Aber sie mag nun mal Homos nicht und nutzt ihren Glauben, um diese Antipathie zu rechtfertigen.

Gut, dass sie gekündigt hat. Kündigt ihnen allen! Mal schauen, ob Gott ihnen ein Gehalt zahlt.

Religionsfrei homofrei

Nach dem Urteil des Supreme Court der USA zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtlichen Paare ist die christliche Rechte wie erwartet durchgedreht. Bar jeder Moral und unfähig zur Demut und Selbstreflektion haben viele von ihnen geschworen, gegen die Homo-Ehe Widerstand und zivilen Umgehorsam zu leisten.

Klingt lustig und ist es auch. Denn wie soll Widerstand gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare aussehen? Werden christlich-Konservative nun Sit-Ins vor Schwulenbars abhalten? Werden sie sich nicht mehr an der Ehe beteiligen? Werden sie sich weigern, Menschen des gleichen Geschlechts zu ehelichen?

Selbstredend wurde nach dem Urteil vielfach kolportiert, dass die Öffnung der Ehe das Recht auf Religionsfreiheit verletzt. Doch welche Freiheit, welches Recht soll das eigentlich sein? Die Freiheit und das Recht, dass andere Menschen nur die Freiheit haben, die der eigene Glaube erlaubt? Wenn die gleichgeschlechtliche Ehe gegen den eigenen Glauben verstößt, dann ist die Lösung doch sehr simpel: Heirate nicht homosexuell! Aber halte Dich aus dem Leben anderer Menschen raus! Denn Dein Glaube betrifft Dich, und nicht andere!

Die ganze Debatte zeigt gleichzeitig, wie fragwürdig das Recht auf Religionsfreiehit als speziell abgegrenztes Rechtsgut ist. Denn was ist Religion? Nicht mehr als eine bestimmte Weltanschaung, Wertvorstellung und Meinung, etwas also, dass jeder Mensch hat und was es milliardenfach auf der Welt gibt.  Wieso nun erhebt man bestimmte Weltanschaungen, Wertvorstellungen und Meinungen in den Rang eines eigenen Rechtsgutes und gibt diesen einen Sonderstatus, zusätzlich zur schon allgemein gültigen Meinungs-, Versammlungs- und Organisationsfreiheit? Wieso also sollte der Glaube, dass Gott Homos nicht mag, spezieller und schützenswerter sein als der Glaube, dass Lord Voldemort ein Veganer ist?